363
„Meine Großmutter ist älter geworden", antwortete er mit einem ernsten Zug inseine»« eben noch so heiteren Gesicht- „Sie behauptet eS ebenfalls —"
„Dem kann Niemand entgehen", sprach der Förster mit leichtem Nachdruck. „NunSie aber selbst da sind, könnte sie sich die erforderliche Ruhe gönnen
„Das hat sie theilweise schon gethan —"
„Der Besuch Ihrer Tante und Cousine ist wohl eine große Freude für sie", be-merkte Frau Albrecht.
„Ja, gewiß, und Erstere hat mir versprochen, so lange wie möglich, in Steinhorstzu bleiben!"
Frau Albrecht schlug vor, den Rückweg anzutreten, rvas auch sogleich geschah. GrafWaldemar ging zwischen dem Förster und seiner Nichte, an deren anderer Seite sich Annabefand. Er mußte seinen letzten Aufenthalt in Frankreich und seine Rückreise beschreiben,die der Förster, welcher schon vollständig den Ton früherer Tage wiedergefunden, nochnicht erfahren.
Vor der Thür des Försterhauses angekommen, ließ Graf Waldemar seine Augeireine Weile umherschweifen, und sagte neben Kohring auf der Bank Platz nehmend, woer früher so oft gesessen, mit unverkennbarer Bewegung:
„Wie heimisch ist eS mir hier, wo ich Alles — Alles wiederfinde, wie ich es ver-lassen! — Nichts ist verändert, und mir scheint fast, als hätte ich erst gestern Abschiedvon« Forsthof genommen!"
„Nur wir Menschen haben uns verändert", entgegnete ernst der Förster, „wir habender Zeit herhalten müssen!"
„Ihnen und Frau Albrecht sieht man es kaum an —"
„In unserem Alter rrrmögen ein paar Jahre nicht viel! — Mit der Jugend ist'Sanders —"
„Dies Gespräch ward durch ciuen lauten Ausdruck der Freude von Christine unter-brochen, «reiche von Anna, die sich in's Haus begebe««, erfahren, wer gekommen sei, vordie Thüre eilte. Sie erblickend, ging der junge Mann ihr entgegen, und sagte, ihr seineHand reichend, in heiterein Ton:
„Da ist nun der ehemalige Junker Waldemar wieder, Christiire — Erkennen Siemich —"
„Ei gewiß, Herr Graf, wie sollte ich nicht", entgegnete sie lächelnd» „obgleich Sieei» großer und stattlicher Herr geworden sind! — Jetzt werden Sie aber rvohl nichtmehr in die Küche kommen, und sich ein Vutterbrod auf den Weg holen!"
„O, das könnte doch noch einmal geschehen, Christine", erwiderte Graf Steinhorstlachend. „In meinem Alter hat man guten Appetit, und der Weg durch Feld und Waldmacht hungrig. Wenn ich also einmal in der Nähe bin und Eßlust verspüre —"
„Dann kommen Sie nur «vie sonst zu mir, und ich schneide Ihnen das Butter-brod genau wie vor sechs Jahren", und sichtlich erfreut, den jungen Grafen gesehen undbegrüßt zu haben, ging Christine an ihre Arbeit zurück.
Jetzt erschien Anna mit Wein und Kuchen und präsentirte Beides mit anmuthigerFreundlichkeit. Das schmackhafte Backwerk einen Augenblick betrachtend, rief lebhaft derjunge Mann:
„Sogar dieselben Kuchen finde ich hier wieder!" und sich an Anna wendend, fügteer vollkommen unbefangen in Ton und Blick hinzu: „Erinnern Sie sich noch, FräuleinHerfeld, daß wir früher den Zucker und Gewürz dazu gestoßen? — das geschah in be-sonders thätiger Weise zum Weihnachtsfest, wo, «vie ich mich sehr entsinne, es hier vielzu thun gab, und Christine uns aus der Küche in das Nebenzimmer verwies!"
Anna, deren Züge bisher einen ruhig freundlichen Ausdruck gehabt, konnte sich desLachens nicht enthalten, denn ihr siel ein, daß Christine damals ziemlich unsanft mit ihmverfahren war, und dies Lachen verjüngte ihre Züge so sehr, daß Graf Waldemar fastglaubte, seine ehemalige Gefährtin vor sich zu sehen. Auch der Förster und seine Nichte