Ausgabe 
(9.6.1883) 46
 
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lachten über diese Reminiscenz, und einmal das Eis gebrochen, war denn die Erinnerungmächtiger als die Sorge des Großvaters und der Tante, und Anna Herssld und GrafWaldemar plauderten bald so unbefangen wie in früheren Tagen, und Kohring undFrau Albrecht stimmten ein die früheren Tage waren auch ihnen im Gedächtnißgeblieben.

XVII.

Als die Gräfin Steinhorst, ihre Tochter und Enkelin von einem Besuch aus derUmgegend heimkehrten, fragte Erstere die Vorhalle betretend, den Diener:

Ist der Herr Graf -schon hier, Johann?"

Nein, Frau Gräfin", lautete dessen Antwort.Der Herr Graf aber hat mirgesägt, daß er jedenfalls zum Abendessen, vielleicht auch schon früher kommen würde",und sichtlich verstimmt über diese Nachricht, stieg sie, gefolgt von Frau von Stein undFräulein Constanze, die Treppe zu den oberen Gemächern hinauf.

Nach einer Weile im Wohnzimmer wieder versammelt, sagte Erstere mit unver-kennbarer Erregung in Stimme und Zügen: i

Der erste Besuch bei dein Förster in Vahrenwald wäre also gemacht, und michsoll es wundern, ob er nicht wiederholt wird"

Das werden wir bald genug erfahren", unterbrach Frau von Stein.Die sechs-jährige Korrespondenz beweist, daß Waldemar der Familie eine große Anhänglichkeit be-wahrt. Und diese Anna Herfeld" !

Sie ist wirklich schön, Großmutter", fiel Fräulein Constanze ein,obgleich ich sie izu ernst und ruhig für ihre Jahre findel"

Du scheinst sie Dir sehr genau angesehen zu haben", sprach ihre Großmutter in * zverstimmtem Ton.

Anna Herfeld mit den blauen Augen und goldblonden Haaren muß es ihr an-gethan haben", entgegnele Frau v. Stein mit leichtem Spott,denn sie hat auf demRückwege nur von ihr geredet. Das Gesicht ist mir übrigens bekannt, ich weiß nurnicht, wo ich eine auffallend« Aehnlichkeit gesehen!"

Fräulein Constanze hatte sich dem Fenster zugewandt, wo die eingetretene Däm-merung ihr lebhaftes Erröthen verbarg. Nach augenblicklicher Pause erwiderte sie: !

Mich spricht ihre ganze Erscheinung ungewöhnlich an, es liegt etwas so Edles s

und Aristokratisches darin" !

Kind, fasele doch nicht solchen Unsinn!" sagte fast erzürnt die Gräfin.Woher i

sollte bei ihr wohl das Aristokratische kommen? Um eins möchte ich Euch beide noch j

dringend ersuchen. Legt, wenn Waldemar kommt, kein besonderes Gewicht auf seinenBesuch iiu Försterhause" '

Rasche Hufschläge, und dann ein haltender Wagen, verkündeten die Rückkehr des ;jungen Gutsherr», der auch alsbald den Wohnsaal betrat, und die Anwesenden in freund-licher Weise begrüßte. Neben seiner Cousine Platz nehmend, erkundigte er sich nach deinVerlauf des Besuchs, worauf seine Großmutter in gleichgültigem Ton fragte:

Wie hast Du die Försterfamilie nach so langen Jahren angetroffen, Waldemar?"

Wohl und munter", erwiderte der junge Mann.Der Förster und Frau Albrechtsind allerdings älter und aus der ehemaligen Anna ist ein Fräulein Herfeld geworden,wie Du ja aus eigener Anschauung weißt. Ich traf sie, wie ich mir gedacht, im Walde,wir waren gegenseitig sehr erfreut uns wiederzusehen und haben viel über die Ver-gangenheit gesprochen!"

Ich wollte, ich hätte Dich damals gleich nach Hohenhausen geschickt", bemerktedarauf die Gräfin,es wäre Dir hier dann nicht ein Jahr verloren gegangen!"

Das Jahr ist mir kein verlorenes gewesen, Großmutter", antwortete lebhaft undmit Nachdruck Gras Waldemar,denn das in Vahrenwald Erlernte ist mir schon viel-fach zu statten gekommen. Ebenso nützlich ist mir auch jetzt des Försters erfahrenerRath in Bezug auf unsere Waldungen-^