Ausgabe 
(9.6.1883) 46
 
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Der erste Felibre.

(Provencalische Romanze von Ludwig Bril l-)

1 .

Schritt ein schwarzgelocktcr JünglingAn den Usern der Dnrance,

Schweifte, alter Zeit gedenkend,

Durch die blühende Provence.

Vom Adour bis zu den AlpenSah er edle Sänger wallen,

Hörte von den hohen BurgenWundersame Lieder schallen.

Und verzückt, wie einst Eäcilia.

Stand der Jüngling da und lauschte,Bis der Strom der süßen KlängeSaust iin Abcndwind verrauschte.

' Trauernd lag vor seinem Blick jetztSaugvergessen die Provence,

Und mit ihm die Weiden weinte!!

An den Ufern der Durancs.

Und die Blüthe der GranateSchloß sich leist vor tiefem Leide,

Und mit linden Thränen netzteRosmarin die dürre Haide.

2 .

Von der Haide tönte lieblichNachtgesang der kleinen Grillen,

Und aus blauer Ferne stiege»Goldumrändert die Alpillen.

Langsam zog die Hserde heimwärts,Hinter ihr in weißen LockenSchritt der Hirt, voll Andacht horchendAus den Reis der Abendglocken.

Sein Gesicht, ein Buch der Weisheit,Und sein Herz, ein heilig Feuer,

Seine Brust, ein Schrein voll SagenDer Provence , die ihm theuer.

Trieb die Heerde sechszig JahrsDurch die Crau und die Camargue , ')Und nur noch eine» Wunsch kannt' er:Daß man dort zur Ruh' ihn sarge.

Und der schwarzgelockte JünglingNahte sich dem Greis mit Zagen,Bebend klang von seiner Lippe Frommer Gruß aus alten Tagen.

3 .

Josö I" rief der Alte lächelnd,

Ist nicht niehr der munt're Knabe,Flog sonst gleich dem Sambu-Füllen,Durch die Flur im wilden Trabe.

U Crau und Camargue sind große Haide«So viel wie Füllen der Wildniß.

Baux : Ruine einer alten Felsensestung.Der letzte bedeutende Troubadour.

Hand aus's Herz! er sah verwegenEiner Schönen in die Augen,

Und nun, ein gezähmtes Äößlein,

Will sein Muth nichts Rechtes taugen."

Vater Hirt! in's holde AntlitzSah ich einen! Wundermädchen,

Und sie spann mit FeenhändenUm mich gold'ne Liebsssädchen.

Trotz der achtzig Jahre, Vater,

Liebt ihr minder nicht die Traute,

Die Provence alter Zeiten,

Die ich hentt im Traum erschaute.

Troubadoure zogen singendDurch die sonnigen Gefilde,

Selig lauscht' ich ihren Weisen

Ach! da schwand das Tranmgcbilde."

4 .

In prophetisch Schau'» versunken,

Vor dem Jüngling stand der Hirte,Während geisterhaft sein AugeNach den blauen Hohen irrte.

Dort", begann er,ties im Felsschacht,Seit die Banx in Schutt zerstoben,Ruht in unberührter SchönheitEine Jungfrau, traumumwoben. .

Unheil schauend, saß sie langeEinsam dort in finsterm Kummer»Arnald Maraviglia sang sieEines Tags in sel'gen Schlummer.

Lächelnd in den braunen HaarenRosmarin und Immortelle,

Aus der Brust die Lilienhände,

Liegt sie an gefeiter Stelle.

Manchmal wandelt wohl ihr SchattenAn den Ufern der Dnrance,

Und dann flüstern aus den Weide»

Alte Lieder der Provence .

5 .

Schwieg der Hirt. Darauf der Andre:Wunderbar! und habt ihr Kunde,

Wie man Weg und Eingang findeZu Ver Maid im Felsengrunde?"

Und der Alte blickt dem FragerIn die dunkeln Sonnenaugen:

Nur ein Sänger reinen HerzensMag zu solchem Gange tauge«»

Doch man sagt, mit heil'aem LiedeIn der Heimath süßem LauteDie nur mehr erklingt in Hütten,

Weckt ein Sänger einst die Traute.

im Süden der Provence .