zur
„Äugslmrger PostMung."
Nr. 47.
Mittwoch, 13. Juni
1883.
Des Jörsters Enkelkind.
Original-Novelle von Mary Dobson,
(Fortsetzung.)
Nur zu gern hätte Fräulein Constanze sich bei ihrem Vetter nach des FörstersEnkelkind erkundigt, doch hielt der bestimmte Wunsch ihrer Großmutter sie davon zurück,dennoch nahm sie sich vor, zu geeigneter Zeit einmal der Waldfee ihm gegenüber zuerwähnen.
Die beabsichtigte Fahrt nach den beiden entfernten Gütern war zum Verdruß derGräfin von Förster Kohring und Graf Waldemar unternommen, und einige Wochendarauf vergangen, ohne daß er im Försterhause erschien.
Man wunderte sich darüber nicht, es gab für ihn Abeit genug, er war so unaus-gesetzt thätig, daß auch seine Großmutter ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnte,und zugleich sich freute, daß er die Försterei noch nicht wiedergesehen.
Bald aber erschien er in derselben, und diesem Besuche folgten andere, und dieehemalige Gefährtin nahm unmerklich den vertraulichen Ton früherer Tage an, wo sieein Kind und er ein kaum erwachsener Knabe gewesen, wenn sie sich auch der förmlichenAnrede bedienten. Damit aber zog die Liebe in ihre junge Herzen ein, die eigentlichnur die Fortsetzung der Zuneigung ihrer Kinderjahre, und bald dem Förster und seinerNichte kein Geheimniß mehr war.
Man ahnte sie aber auch in Steinhorst, und die Gräfin und ihre Tochter führtenerbitterte Worte darüber, welche Fräulein Constanze voll inniger Theilnahme mit ihremVetter anhörte. Der Entschluß der Ersteren stand fest, sie wollte in ihrer Familie keineHeirath unter Rang und Stand dulden, am wenigsten aber von dem Enkel, für den siegearbeitet und gestrebt, und bedachte dabei nicht, daß dieser Enkel der selbstständige Herrseines Schicksals war, und ihrer Einwilligung zu einer beabsichtigten Verbindung nichtbedurfte.
Die Liebenden selbst aber, über deren Lippen ihre Gefühle noch keinen Ausdruckgefunden, lebten in stiller Seligkeit, im Bewußtsein und in der Ueberzeugung ihrer gegen-seitigen Neigung fort, welche ihnen ihre, Blicke und eine nur ihnen verständliche Spracheverrathen, wenngleich auch der Gedanke — die Frage an sie herantrat, ob diese Liebezu einem glücklichen, erwünschten Ziele führen werde.
Graf Waldemar war entschlossen, Anna Herfeld mit Bewilligung ihres Großvaterszu seiner Gattin zu machen» alle ihm entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen und auchdie Wünsche seiner Großmutter nicht zu berücksichtigen, die stets ihren einseitigen Adel-stolz geltend zu machen suchte, und deren Ansichten in dieser Beziehung weit von denfeinigen abwichen.
Auch Anna hatte bereits empfunden, daß die Pfade wahrer Liebe nicht immereben seien, und war oft ernster und nachdenkender als man sie sonst gesehen. Auch siekannte die Ansichten der adelstolzen Gräfin Steinhorst zur Genüge, die, wenn sie sich inder Kirche trafen, gleich ihrer Tochter sie stets nur hochmüthig begrüßten, während Fräu-