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lein Constanze dies mit freundlicher Höflichkeit that. Sie hatte das tief gefühlt, undwußte sich auch die vornehme Herablassung der beiden älteren Damen zu erklären, dennochaber vermochte ihr Herz nicht von Graf Waldemar zu lassen.
Eines Nachmittags kehrte früher als sonst Förster Kohring von seinen Wegen ausdem Walde heim, und fand an dem gemahnten Platz vor der Thür nur seine Nichte.Ihr ernstes bekümmertes Gesicht gewahrend, sah er zugleich die Arbeit seiner Enkelin aufdem Tische, und fragte schnell:
„Wo ist Anna, Wilhelmine?"
„In den Garten gegangen, wie ich fürchte, um mir ihre Thränen zu verbergen,da sie schon den ganzen Nachmittag traurig und still gewesen ist", und Frau Albrechtstieß einen tiefen Seufzer aus.
„So mag's wohl sein", erwiderte der Förster, sich neben seiner Nichte niederlassend.„Es ist Alles gekommen, wie Du befürchtet, und wir müssen etwas thun, um hier eineVeränderung zu machenI"
„Welche Veränderung aber, Onkel? — Wir können doch dem Grafen nicht dasHaus verschließen, obgleich das sicherlich im Sinne seiner Großmutter gehandelt wäre!"
„Nein, Wilhelmine, das können wir nicht, doch muß es zu einer Entscheidungkommen, denn ich will nicht, daß das arme Kind sich härmt und grämt."
„Was kann und soll jedoch geschehen?"
„Anna soll fort, schon in den nächsten Tagen, und dazu ist uns der Zufall günstig.Ich habe einen Brief von Sophie Dörner in der Tasche, den ich dem Postboten ab-genommen und auch schon gelesen habe. Sie ladet sie zu einem baldigen Besuche ein,da sie später mit dem schwachsinnigen jungen Mädchen, das bei ihrer Mutter ist, reisenwird! —"
„Das trifft sich sehr glücklich, Onkel, denn auch ich halte Anna's Entfernung fürnothwendig", entgegnete sichtlich erleichtert Frau Albrecht. Sollte sie aber auch reisenwollen? —"
„Sie muß reisen, Wilhelmine, und ist auch verständig genug, es einzusehen. Vorheraber will ich ihr — es kann sogleich geschehen — die Geschichte ihrer Eltern erzählen,was schon längst meine Absicht gewesen-"
„Aber Du wirst sie entbehren, Onkel-"
„Ich komme dabei nicht in Betracht, Kind! — Es handelt sich hier um ihre Ge-sundheit und um ihr Lebensglück — auch hat der Graf sich gegen mich noch mit keinemWort ausgesprochen, und wir wissen nicht, woran wir seinerseits sind, Ist sie fort, sowird die Sache zur Sprache und damit zur Entscheidung kommen, und — doch verliereich hier die Zeit und das Kind sitzt im Garten und grämt sich und weint —" und sicherhebend entfernte er sich mit eiligen Schritten.
Er fand seine Enkelin bald in einer Mooshütte« die einst Graf Waldemar für sie
und ihre Erzieherin erbaut. Schon aus der Ferne gewahrt« er ihr ernstes, gedanken-
volles Gesicht, und sah ebenfalls, daß sie, als sie seine Schritte vernahm, mit dem Taschen-tuch über die Augen fuhr. Ein tiefes Weh durchzog seine Brust, dies verriethen auchseine Züge als er die Hütte erreicht, aus der sie ihm entgegen trat.
„Schon zu Hause, Großvater?" begann sie mit einer Stimme, welcher der sonstso heitere Klang fehlte.
„Ja, mein Kind", erwiderte er mit einem forschenden Blick, der schnell das Blutin ihre Wange^ trieb. „Weshalb aber finde ich Dich hier, und nicht wie sonst bei DeinerTante, die traurig und kummervoll vor der Thür sitzt?"
„Großvater —"
„Anna, «nein liebes, theures Kind", entgegnete er, sie mit seinem Arm umfassend
und sah ihr voll Liebe und Zärtlichkeit in die Algen. „Du hast Kummer — den
Kummer eines jungen Herzens, das zuerst die Liebe empfunden, die aber das erwünschteZiel nicht voraussehen läßt!"