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„Großvater — " sprach nochmals Anna und barg ihr glühendes Gesicht an seine Brust.
„Laß uns einmal die Sache, der Du Dich nicht zu schämen hast, in aller Ruhe
besprechen, mein Kind", fuhr mit weicher Stimme der Förster fort, und führte sie in die
Hütte zurück, wo er sie neben sich auf die Bank zog. „Du liebst Graf Waldemar", —Anna erbebte an seiner Brust — „ich weiß es, Deine Tante und ich haben es voraus-gesehen, er liebt Dich ebenfalls, denn auch dies haben wir durchschaut, was soll aberaus Eurer Liebe werden, wenn seine Großmutter und Familie gegen eine Verbindungmit Dir find?"
Die Enkelin schwieg und der Großvater fuhr fort:
„Die Gräfin ist sehr adelsstolz, Geburt und Name ist ihr durch nichts zu ersehen.Daher müssen mir ihr gegenüber unfern Stolz und unsere Selbstachtung zeigen und dazuist erforderlich» daß Du auf einige Zeit von hier fortgehst!"
„Ich, Großvater?" fragte Anna überrascht.
„Ja, Kind, und durch eine glückliche Fügung läßt sich das machen. Wir haben
einen Brief von Sophie Dörner bekommen, und in diesem bittet sie um Deinen baldigen
Besuch. Nach meiner und Deiner Tante Ansicht reisest Du in diesen Tagen zu ihr, underwartest dort in aller Ruhe, was hier geschieht.
„Vorher aber, Anna", fuhr der Förster fort und seine Züge umdüsterten sich undseine Stimme klang tiefer als zuvor, „vorher aber sollst Du hören, was außer mir.Deiner Tante und dem Prediger von Vahrenwald Niemand weiß, noch vorerst wissensoll, die Sache betrifft Dich und —"
„Und meine Eltern, Großvater?" fragte schnell seine Enkelin und blickte lebhaftzu ihm auf.
„Ja, und Deine Eltern", sagte er mit einem tiefen Seufzer. „Der Zeitpunkt istgekommen, wo ich Dir eine eingehende Mittheilung über sie nicht länger vorenthaltenkann. Auch mußt Du die traurigen Schicksale erfahren, die sie Dir und mir so frühgenommen, und den Tod Deiner Großmutter verursacht haben!"
Der Förster hielt inne, blickte einige Sekunden in's Weite — in den Wald, derstill und schweigend vor ihnen lag, während ein leichter Windzug seine hohen Laubkronenleise bewegte, und begann:
„Anna, Du bist, wofür Du und auch Andere Dich immer gehalten, das einzigeKind meiner früh verstorbenen Tochter, doch hieß Dein Vater nicht Herfeld, sondern
Ludwig von Bodenwald, und war der jüngste Sohn eines im-Lande reichbegüterten
Majoratsherrn von altem Adel, der zugleich bei Hof und im Lande eine hohe Stellungeingenommen. Deinem Taufschein nach heißt Du Anna Thusnelda von Bodenwald, undDu bist demnach von Deines Vaters Seite dem Grafen Waldemar von Steinhorst eben-bürtig — "
„Großvater —" unterbrach lebhaft Anna, welche voll Spannung zugehört hatte.
Deine Mutter aber war eine Bürgerliche, und daraus ist für Dich und mich allesUnglück erwachsen", fuhr mit leisem Nachdruck der Förster fort, „doch höre nun wie dasgeschehen", und Anna vernahm aus dem Munde ihres Großvaters, was der Leser bereitszu Anfang und im weiteren Verlauf dieser Erzählung erfahren. Oftmals ward er vonihren theilnehmenden, oder heftigerregten zornigen Worten unterbrochen, oft auch durchdie Erinnerungen, welche auf ihn einstürmten und ihn kaum Worte zur Fortsetzung seinesBerichtes finden ließen.
Als er ihn den Tod seiner Gattin geschildert, fügte er mit kaum vernehmbarerStimme hinzu:
„Daß meines Bleibens in Bodenwald, wo Alles mich an die Verstorbene erinnerte,nicht länger war, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ich las von dieser Stelle, bewarbmich darum und erhielt sie schnell, und sagte der alten Heimath, wo ich so glücklich ge-wesen, und den Gräbern meiner Gattin und Kinder Lebewohl. Seitdem haben wir hiergelebt»" — (Forts, folgt.)