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Ein Volksfest in Mo skan.
^Aus der Berl. Nat. Ztg.)
„Sei fröhlich, ehrliches Volk, aber bewahre die Ordnung!" Getreu dem Mottodes Programms hat sich das Volksfest auf dem Chodynkafelde trotz der ungeheuren Massen,die an demselben theilnahmen, ohne unangenehme Unterbrechung heiter und maßvoll ab-gespielt. Ueberall, soweit wir beobachten konnten, herrschte der den Russen angeboreneSinn harmloser Vergnügtheit. Die Anordnungen und Einrichtungen für das Fest warenzum größten Theil vortrefflich; wo sie sich nicht ganz bewahrten, war man gutmüthiggenug, sich den einstellenden Aerger hinwegzulachen. Das Geordnete und Gezügeltedieses Volksfestes unterscheidet es vortheilhaft von dem Tumult, in den bei der KrönungAlexander's II. die Fröhlichkeit der Massen schließlich ausartete. Damals hatten dieLieferanten mit den Beamten einen abscheulichen Plan ersonnen, um das Volk um daserwartete Vergnügen zu bringen. Da kaum der vierte Theil der versprochenen Liefe-rungen wirklich geleistet worden war, «rußte man daran denken, den Betrug zu ver-schleiern. Man gab daher das Zeichen zum Einlaß des Volkes viel früher, als esprogrammmäßig erfolgen sollte. Die hineinstürmende Menge bemächtigte sich schnell allervorhandenen Vorräthe, zerschlug Stühle und Tische und hatte, als der Kaiser eintraf,das Ganze bereits in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt.
Von alledem war dieses Mal keine Rede, obwohl sich auf dem Felde gewiß einehalbe Million Menschen versammelt hatten. Nicht nur aus den entferntesten StadttheilenMoskau's waren sie herbeigeströmt, so daß diese öde und verlassen erschienen, sondernauch das ganze Gouvernement hatte die Landleute nach der Stadt entsendet. Reisende,die am Tage des Volksfestes in Moskau eintrafen, versicherten, daß die Bewohner derDörfer in langen Reihen zu beiden Seiten der Eisenbahn die Nacht hindurch gepilgertwären, um sich ihren Antheil an dem Vergnügen zu holen. Tausende hatten sich vomfrühen Morgen an vor den Einlaßthoren ein Quartier geschaffen, sehnsüchtig des Zeichensharrend, das ihnen erlauben würde, sich nach Herzenslust auf alle erdenkliche Weise zuamüsiren.
An dem Wetter hatte das Fest einen Bundesgenossen, wie er nicht bester gedachtwerden konnte. Der Himmel war ununterbrochen bewölkt, die Luft frisch und kühl, wirwährend eines deutschen Aprils oder Septembers. Der Sonnenschein hätte die unendlicheFläche sicherlich in glühenden Sand, der Regen in einen furchtbaren Sumpf verwandelt.Das Chokynkafeld liegt an der Petersburger Chaussee neben dem Gebäude der vorjährigenKunst- und Gewerbe-Ausstellung, gegenüber dem Petrowsky-Schloß, wo der Kaiser ab-gestiegen war, um in die Stadt zu ziehen, und dem Petrowsky-Park, dem Thiergartenoder Prater Moskau's, dessen Landhäuser, Alleen, Teiche die Bewohner an Sommer-tagen regelmäßig Hinauslocken. Gerade gegenüber dem Schlosse war der Kaiserpavillonaufgebaut, eine zierliche, aus zwei Stockwerken bestehende, reichgeschmückte Halle, auf derenoberem Balkon der Kaiser gegen Uhr erschien, um von nicht enden wollenden Hoch-rufen, Hüteschwenken, Kanonensalven und Orchestertuschen empfangen zu werden. Linksund rechts davon lagerten sich kolossale Tribünen, die geschickt gebaut waren und derBewegung des Einzelnen den freiesten Spielraum ließen. Auf beiden Seiten zerfielensie in drei Abtheilungen, die der Farbe des Außenanstrichs und der Billets entsprechendals blaue, weiße und rothe zu unterscheiden waren. Die Lage des Kaiserpavillons warderartig, daß von ihm aus das Feld übersehen werden konnte, so weit das überhauptmöglich war. Aber selbst ein gutes Opernglas trug den Blick lange nicht so weit, umdie Grenzen des Schauplatzes auch nur annähernd erkennen zu lassen. Was man, aller-dings in großer Verkürzung, gut wahrnahm, waren die vier Theater, welche ihre Sceneder kaiserlichen Loge zugewendet hatten und in deren Mitte sich das weit ausgespannteHalbrund des Circus befand. Die andere Hälfte blieb gleichfalls wieder für den Kaiserund die Zuschauer auf den Tribünen frei. Trotzdem die Breite der vier Bühnen gewiß