— 374 —
hölzernen Schachtel, die in einzelnen an verschiedenen Seiten des Platzes befindlichenZelten dem Volke verabreicht wurden. Der Ansturm war so stark, daß in einerhalben Stunde die Bertheilunz beendigt war. Tausende der Empfänger verließensofort den Platz, um in ihrem Schnupftuche das willkommene Geschenk nach Hausezu tragen und dort in Ruhe zu verzehren. Die überwiegende Mehrzahl blieb jedochzurück und suchte sich, nachdem sie sich an den allgemeinen Belustigungen und Vor-stellungen sattgesehen hatte, einen Ruhesitz zu erkämpfen, so gut eS eben gehen wollte.Sitzplätze hatte man nur im Circus , dessen Reihen bis zu einer schwindelnden Höhehinaufreichten, während vor den Theatern Alles stehen mußte. Auch sonst waren nirgendsTische und Stühle vorhanden. Man fürchtete, daß sie bei einer etwaigen Prügelei zugefährlichen Waffen werden könnten. Allein zu einer solchen kam es nirgends, da derSchnaps in Acht erklärt war und auch in den neben dem Chodynkafelde gelegenen Budenkeine Spiritussen verabfolgt werden durften.
Die Herstellung der Pirogen, großer Fladen, die bald mit Teig, bald mit Fleischgefüllt waren, war den, Moskauer Hofbäcker Filippow anvertraut worden, der aber seinenkontraktischen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und daher in eine hohe Konven-tionalstrafe verfallen wird, obwohl er seine sämmtlichen Filialen in der Stadt geschloffenund alle seine Leute Tag und Nacht nur mit der Bäckerei für das Volksfest beschäftigthatte. Die Schwierigkeit lag aber darin, daß mit der Anfertigung dieser Pirogen erstdrei Tage vorher begonnen werden durfte, damit sie nicht verderben konnten. Uebrigensschmecken sie, wenn man davon absieht, daß sie wie alles ähnliche russische Backwerk zuwenig gesalzen sind, vortrefflich. Das Einrühren des Teiges in ungeheuren Kesseln, dieFüllung mit Fruchtsaft und Fleisch, das Backen in zerlassener Butter bildet eine Prozedur,die mit der größten Geschicklichkeit gemacht wurde. Sehr gut und schmackhaft waren auchdie Konfitüren, welche die Firma Einem in Moskau zur vollsten Zufriedenheit der Be-steller und Konsumenten geliefert hatte.
In den vier Theatern wurden militärische Pantomimen, Harlekinaden, Zauber-possen und Balleis aufgeführt. Jede Vorstellung wurde nach einer Pause von zwanzigMinuten wieder von Neuem aufgenommen. Hier den Text einzelner Stücke: „Die lustigeHochzeit", dramatisches Bild in drei Akten von Suckonin, „Der schöne Frühling",Zauberpoffe in drei Bildern („Eisige Kälte", „Fest des Frühlings", „Einzug des Gottes")von Lentowsky, dem Besitzer des besuchten Sommergartens Eremitage, „Iwan Czarewitschvon Nodislawsky" und „Der russische Adler", große Kriegspantomime von Lentowski).Die letztere spielte sich vor unseren Augen als Kriegsgemälde im Kaukasus ab, bei demmit rasselnden Kanonen, schmetternden Trompeten und Salven ein furchtbarer Lärm ge-macht wurde. Nachdem sich die Akteurs ein paar Stunden lang müde gespielt hatten,zog eS die Direktion vor, den Reiz der Fabel nur noch in das Schießen zu verlegen,bis der Pulverdampf die Scene wie mit einem schweren Schleier bedeckte, so daß garNichts mehr zu unterscheiden war. —-
Als der Kaiser im Pavillon erschienen war, begann vom Circus aus eir Festzug'der zu ihm auch wieder zurückkehrte, nachdem er an den Tribünen der weiten Bogenvorbeigegangen ivar. Die ihm zu Grunde liegende Idee war das Erscheinen des Früh-lings. Den Anfang machten sechs geflügelte Herolde mit Sturmhauben und Trompeten,ihnen folgten die Personifikationen der Insekten und Getreidekäfer, dann sieben Fröschezu Pferde, eine Equipage mit Bienen, darunter die Bienenkönigin, dahinter der Wagendes russischen reichen Mika! Gelianowitsch, des Besitzers der schwarzen, den Humus dar-stellenden Erde, umgeben von Ameisen, als Sinnbildern des Fleißes. Ihnen schließensich Bauern im rothen Hemd an, worauf der von Birkenzweigen und Blumen umgebene,von Schmetterlingen umflatterte Wagen des Frühlings kommt, den vier Pferde ziehen.Aus den vielen, für deutsche Leser unverständlichen und uninteressanten allegorischenFiguren heben wir nur den russischen Bacchus hervor, der auf einer von Hopfen um-wundenen Troika heranzieht und von betrunkenen Knaben, Jongleurs und Bajazzos um-