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geben ist. Den Zug schließen eine Ziege, ein Bär und ein russischer Sängerchor. Indiesem Momente sollten aus einem Luftballon, an dessen Füllung man fleißig gearbeitethät!e, Kopftücher auf das Volk herabgeworfen werden. Allein der Ballon war unliebens-würdig genug, sich seiner Mission zu entziehen, indem er platzte und den Neugierigendas Nachsehen ließ. , »
Unter den Volksbelustigungen verdienen neben den bekannten des Dauerlaufs undMastkletternS noch die vier Erzähler, die mit Anekdoten das. Volk unterhielten, fernerdie Moltschanow'schen Volkssänger und die Nacumowsky'schen Chöre Erwähnung. BeimMastklettern und Schwcbebanm hatte man Mützen, Hosen, Hemden, Stiefel, Uhren,Ketten, Harmonika's, Samoware als Preise ausgesetzt. Es war keine leichte Aufgabediese Bäume zu erklettern, die für gewöhnliche Arme kaum zu umfassen waren. DieMeisten kamen nicht an das ersehnte Ziel und rissen beim Heruntergleiten ihre Nachfolgermit sich. Ein stämmiger Bursche der mit vieler Noth die Mastspitzr erreicht hatte,
schwankte in der Qual der Wahl, wonach er greifen sollte. Lüstern schaute er eine Zeit
nach dem Samowar, bis er sich endlich doch für die Harmonika entschied, auf der ergleich oben unter allgemeinem Jubel ein lustiges Stück zum Besten gab. Beim Schwebe-baum bildete den Preis ein in einem Sack befindliches Ferkel, bis zu dem es jedoch aufdein zitternden Balken nur die Allerwenigsten brachten. Wer das Gleichgewicht verlor,fiel entweder in einen Nuß- oder Mehlhaufen, so daß er als Schornsteinfeger oderMüller der Gegenstand des allgemeinen Lachens wurde.
Die Illumination vermochte ich, von Durst und Hunger gepenugt, wie ich war,nicht mehr abzuwarten. In den Restaurants des Pstrowsky-Parks mußte man sich alsMillionär legitimiern, um von Kellnern, deren Schläfrigkeit etwas Orientalisches hatte,
überhaupt berücksichtigt zu werden. Der Russe hat immer einen Vorwand zur Faulheit,
wie der Deutsche zum Trinken, was sich diesmal nur schlecht miteinander vertrug. —Um fünf Uhr schien der Platz, nachdem ein Paar hunderttausend Menschen den Wegzur Stadt eingeschlagen hatten, sich geleert zu haben. Es war das aber eine Augen-täuschung, der Blick des Einzelnen war nur gegen die Unzähligen, die vor den Theaternstanden, im Circus saßen, an den Bierwaggons herumkletterten abgestumpft. Zu denKanonenschlägen, Raketen und sonstigen Effekten des Feuerwerks mögen immer noch soviel Menschen auf dem Platze gewesen sein, als Königsberg oder Leipzig Einwohnerbesitzen. Um neun Uhr Abends begann man die zum Volksfeste errichteten Baulichkeitenmit Ausnahme des Kaiserpavillons und der Tribünen wieder einzureißen, da das Cho-dynkafeld für die am nächsten Sonnabend stattfindende Parade freigemacht werden muß.
Miscells,r.
(Von demungarischen Grafen Sandor) weiß das „Kl. I." eine Anekdotezu erzählen, die auch hier ihren Platz finden mag. Graf Sandor war bekanntlich all-zeit zu tollen Scherzen aufgelegt und man hat von keiner einzigen Ausschreitung gehört,die dem genialen Manne mißglückt wäre. Da sitzt er eines Tages in Budapest im Kreiseseiner Freunde und zecht. Draußen auf der Straße wird eben ein Mensch verhaftet, ohnedaß der Grund recht ersichtlich ist. „Wer weiß," sagt einer von Sandor's Freunden,„was der aufgefressen hat!" „Ei," erwidert der Graf, „der Mann da draußen kannunschuldig sein, wie ein neugeborenes Kind." „Ohl" ertönt es im Chorus, „dann wirdman nicht verhaftet!" „Das kommt darauf an," meint Graf Sandor, dem in diesemAugenblick ein närrischer Einfall durch den Kopf schießt. „Ich gehe eine Wette ein, daßich morgen nachmittag 4 Uhr verhaftet bin, ohne auch nur das allerkleinfl? Unrecht be-gegnen zu haben." „Warum nicht gar!" „Wir leben ja nicht bei den Hottentotten!"„Das ist nicht möglich!" So und ähnlich machte sich der lebhafte Widerspruch ver-nehmbar, bis endlich nach Rede und Gegenrede eine Wette zu Stande kommt, derenEinsatz — 20 Flaschen Sekt — am nächsten Abend gemeinschaftlich getrunken werdensollte. Die Fortsetzung unserer Erzählung spielt in einem der vornehmsten Kaffee's in