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Wien . Alle Tische sind von einem distinguirten Publikum besetzt und die geschniegeltenKellner fliegen hierhin und dorthin. Da zwängt sich durch die halbgeöffnete Thür eine Ge-stalt, die offenbar nicht hierher gehört. Ein Mensch in „schlotterichter" Haltung, bekleidetmit Lumpen, die Schuhe mit Bindfaden verschnürt, um die Schulter einen durchlöchertenSlowakenmantel, so schiebt sich der zoltige Bursche bis zu einem Tischchen im nächstenWinkel, blickt scheu und furchtsam um sich und kauert sich nieder. Flüsternd und ohneaufzublicken, verlangt — nein, erbittet er einen Kaffee. Wie wenn er seit vierzehn Tagennichts warmes gegessen, stürzt er sich darüber her, ist mit gierigem Behagen wohl einhalbes Dutzend Brödchen dazu, ohne daß er auch nur für einen Augenblick sein unruhiges,wie verfolgtes Gebühren aufgegeben hätte. Fertig mit seiner Mahlzeit, flüsterte er mitzagendem Blick: „Zahlen!" Der Zählkellner, der den unsauberen und verdächtigen Gastohnehin nicht einen Moment aus den Augen gelassen, eilt herbei. Nun dreht sich derVagabond zur Wand, als wollte er von niemanden beobachtet werden und auch keinemins Gesicht blicken, zerrt unterm Tisch aus den zerfetzten enganliegenden „Buchsen" eineBanknote und knittert sie verstohlen dem Oberkellner in die Hand. Dieser hat es sozu-sagen „am Gefühl", daß er eine Tausendguldennote zwischen den Fingern hält. Er bemeistertsein Erstaunen, setzt das stereotype Lächeln auf und hüpft mit dem üblichen „Gleich, bittegleich!" von bannen, scheinbar um die Note am Büffet wechseln zu lassen. Scheinbarsagen wir; denn in Wirklichkeit schickte er einen dienstbaren Geist hinaus auf di? belebteStraße, um einen Sicherheitswachmann herbeirufen zu lassen. Kaum eine Minute vergeht,da steht der Mann des Gesetzes vor dem Zerlumpten; ein Blick auf das angstverzerrteGesicht des Menschen genügt dem Polizisten, um zu wissen, daß er es hier mit einemDiebe zu thun hat. Darin bestärkt ihn auch der aus tiefster Brust hervordringende Seufzermit dem sich sein Opfer in die schleunigst vollzogene Arretirung fügt. Vor den Polizei-kommissar geführt und um den Erwerb der namhaften Banknote befragt, gibt der Arrestantzitternd , und stammelnd zu, daß — er das Geld nicht verdient habe. Nun soll er seineNationale angeben. „Bin ich nicht von hier, gnädiger Herr Kommissar!" „Woheralso?" „Aus Ungarn !" „Und Dein Name?" „Kann ich nicht sagen!" „Kerl, ant-worte, wer bist Du und wie willst Du Dich ausweisen?" „Hob' ich Verwandte hier!"„Du — hier Anverwandte? Wer find diese?" „Hob' ich Schwiegersohn hier!" „ZumTeufel! Mach's kurz!" Wie heißt dieser Lump von Schwiegersohn?" „Heißt — FürstMetternichl Bin ich — Moritz, Graf Sandor!"
(Der ganze Unterschied.) Während eines häuslichen Zwistes rief die Frauganz entrüstet aus: „Ach wüßtest Du, welch' ein Unterschied zwischen Dir ist und meinemverstorbenen Gatten!" — „O ja," erwiderte der Ehemann, „er ist jetzt selig, weil erDir losgeworden, und ich war selig, ehe ich Dich gekriegt habe."
(Trinkerlogik.) Arzt: „Wenn Sie wollen, daß Ihre Augen wieder ganz gutwerden, so müssen Sie vor Allem das viele Trinken lassen!" Patient: „Dees geht net,Herr Doktor! Wegen zwei schlechte Fenster werd' i' doch net 's ganze Haus riskiren!"
(Der diplomatische Frack.) Ein neugebackener Attachs bestellte sich einenFrack. Als der Schneider ihn fragte, ob der Herr ihn nach englischem, französischemoder deutschem Schnitt gemacht wolle, antwortete der von der Wichtigkeit seiner diploma-tischen Bedeutung ganz erfüllte junge Mann: „Wissen Sie was? Da ich bei keiner derGroßmächte anstoßen möchte, machen Sie mir ihn neutral."
Original-Silben-Näthsel.
* Von tausend Wünschen ohne Rast bewegtErsehnt der Silben erste stets den Frieden;Allein er ist ihr nicht beschiedenBis man sie nicht in Beide letzte legt.