Ausgabe 
(13.6.1883) 47
 
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Dann werden Sie sie unfehlbar auf immer erzürnen, und das sollte mir sehrleid thu», da doch die Gräfin für Sie voll Aufopferung und Liebe gehandelt. Auch weißich nicht, ob unter solchen Aussichten meine Enkelin einwilligen würde, in Ihre Familiezu treten-"

Für mich existirt Nangunterschied nicht mehr, meine Familie aber hängt noch anStand und Namen, doch würde ich Anna als meine Gattin, dieser gegenüber zu schützenwissen!"

Das können Sie kaum, Herr Graf", entgegnete langsam das Haupt schüttelndder Förster,und ebenso wenig Ihrer Großmutter den Aufenthalt in Steinhorst wehren,wo sie ja doch seit so vielen Jahren, so ehrenvoll gewirkt und geschafft hat!"

Wir aber könnten uns in Schönau einrichten, denn das dortige Herrenhaus isthübsch und geräumig."

Ich sehe, Sie haben die Sache schon reiflich überlegt."

»Ja» Herr Graf, Anna liebt Sie mit aller Kraft und allein Leid der ersten Liebe«"Herr Förster!" rief gerührt der junge Mann.

Da Sie es selbst durchschaut, darf ich Ihnen ihr Herzensgeheimniß anvertrauen.'Dennoch aber kann ich Ihnen keine Antwort auf Ihre Anfrage geben, bevor Sie nichtmit Ihrer Großmutter gesprochen, was sicherlich Sie noch nicht gethan."

Nein", erwiderte etwas kleinlaut der Graf,obgleich sie, meine Tante und Cousinemeine Liebe zu Ihrer Enkelin vermuthen, was ich gelegentliche» Bemerkungen, denenich ein Ende machen will, entnommen. Ich kann übrigens jetzt nicht mit meiner Groß,Mutter reden, da diese und ihre Gäste an die See gereist sind."

Werden Sie bald wiederkommen?" fragte der Förster.

Das kommt wohl darauf an, wie es Ihnen in dem Badeort gefällt. Ich habedie kleine Ausflucht befürwortet, jetzt aber thut es mir leid"

«Unsere Angelegenheit eilt nicht, Herr Graf", entgegnete Kohring, dem diese Mit-theilung erwünscht war,es ist vielmehr richtig, wenn Sie noch einige Zeit zum Er-wägen und Entschließen haben. Zudem sind Sie, wie Anna noch jung."

Mein Entschluß ist unabänderlich gefaßt", erwiderte lebhaft der junge Mann.Anna hat außer mir noch einen Vormund, der ebenfalls seine Zustimmung gebenmuß-"

Nennen Sie ihn mir, damit ich ihn aufsuchen kann"

Wozu, Herr Graf? Trachten Sie erst nach dem Erforderlichsten, die Ein-willigung ihrer Großmutter"

Und falls sie mir sie nicht ertheilt"

So werde ich um eine Unterredung mit ihr bitten"

Sie, Herr Förster?" fragte ungläubig der junge Mann.Meinen Sie, es würdeIhnen gelingen, ihre Vorurtheile zu besiegen?"

Sie könnte meinen Vorstellungen Gehör schenken", antwortete Kohring so be-deutungsvoll, daß Graf Waldemar ihn fragend anblickte. Nun aber lassen Sie uns nichtmehr von der Sache sprechen, sondern hören Sie meinen Vorschlag. Da Sie ebenfallsin Ihrem Herrenhause allein sind, so bleiben Sie diesen Abend bei mir. Wir wollenplaudern und Sie erzählen nur dann von Ihren Reisen"

Mit dem größten Vergnügen, Herr Förster", entgegnete lebhafter der junge Mann.Zwar wird mein Wagen bald kommen"

Wir lassen hier ausspannen, Ihr Konrad findet hier Bekannte und Unterhaltung."Jetzt erschien Christine mit einer Stärkung für den Grafen, den sie durch denGarten hatte kommen sehen, und für dessen häufige Besuche sie längst den wahren Grundgefunden. Sie begrüßten sich wie immer in freundlicher Weise, der Förster bestellte fürsich und seinen Gast das Abendessen und bald saßen diese bei einer guten Flasche Wein,der Christine nach einer Weile eine zweite folgen ließ, und rauchten und plauderten, bissie das vortrefflich zubereitete Mahl meldete.