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Nach sechStägiger Abwesenheit kehrte Frau Albrecht von H. zurück, wo sie Anna inSchutz der Doktorin Dörner gelassen, welche erfahren, weshalb Förster Kohring ihnen soplötzlich sein Enkelkind geschickt und versprochen, falls Anna Heimweh bekommen würde,für ihre Zerstreuung und Erheiterung Sorge tragen zu wollen.
Neben einander bei dem verspäteten Abendbrod sitzend, stattete Frau Albrecht ihremOnkel von der Reise und ihrem Aufenthalt in H. Bericht ab, und mit einem merklichenZucken um seine Mundwinkel, fragte der Förster, als sie ihrer Abreise erwähnte:
«War Anna traurig als Du von ihr gingst, Wilhelmine?"
„Das war sie allerdings, Onkel, doch faßte sie sich bald und trug nur auf demBahnhof viele Grüße für Dich und Christine auf."
„Erwähnte sie auch des Grafen?" »
„Nein mit keiner Silbe!"
„Wie ist die Pensionärin bei Dorner's?" fuhr der Försterj nach einigen tiefenZügen aus seiner Pfeife fort.
„Sie mag in Anna's Alter sein und ist ein liebes gutes Kind, das eben niemalsZurechnungsfähig werden wird, obgleich sie in fortwährend ärztlicher Behandlung ist.Sophie und ihre Mutter, haben trotz der älteren Kammerjungfer, welche sie begleitet,viele Mühe und Arbeit von ihr!"
„Woher mag das junge Mädchen sein?"
„Aus dem Fürstenthum Onkel", entgegnete mit leichter Betonung Frau
Albrecht.
„Das ist ein eigenthümliches Begegnen, Wilhelmine! — Sie und unsere Anna ausdemselben Lande —"
„Ja, Onkel", fuhr bedeutungsvoll seine Nichte fort, „und sie heißt — Tusneldavon Bodenwaldl"
„Thusnelda von Bodenwald?" rief sich aufrichtend und hastig die Pfeife aus demMunde nehmend, der Förster.
„Es ist wie ich Dir sage, Onkel, und sie ist Karl von Bodenwald's einzige Tochter,mithin Anna's Cousine, was aber noch Niemand von Dorner's weiß!"
„Herr, Deine Wege sind wunderbar", sagte langsam der Förster, durch's offeneFenster zum Himmel aufblickend, an dem der Vollmond über dem Dunkel des Waldes stand.
„Ja, des Herrn Wege sind wunderbar", wiederholte ernst Frau Albrecht, „und wasmich so sehr ergriffen, ist, daß die kleine schwächliche Thusnelda bei aller Leidenschaft-lichkeit ihrer reizbaren Natur schon eine große Zuneigung zu unserer Anna gefaßt, so daßsie immer in ihrer Nähe sein will!"
„Wie aber benimmt Anna sich dabei?" fragte Kohring. „Spricht auch in ihr dieStimme des Blutes?"
„Onkel, die muß eine gar seltsame, geheimnißvolle Macht sein, gegen die wir unsnicht zu wehren vermögen", antwortete bewegt Frau Albrecht, „denn Anna empfindeteben so viel Liebe zu dem armen Kinde, dem das Beste und Edelste fehlt, das Gott demMenschen gegeben!"
Beide versanken in längeres Schweigen, das der Förster unterbrach, indem er sagte:
„Eine solche Mittheilung hätte ich nie erwartet, Wilhelmine, und dazu, nachdemich erst vor kurzer Zeit Anna mit Ihrer Herkunft bekannt gemacht, und seitdem fast nurin den alten Erinnerungen gelebt habe!"
„Anna und ich waren ebenso überrascht, als wir erfuhren, wer Sophiens und ihrerMutter Pensionärin sei!"
„Habt Ihr auch Etwas über ihre Eltern» den von Bodenwald's überhaupt gehört?"kragte widerum der Förster.
„Ja, mancherlei, was Dich interessiren wird, und ich mußte Anna bewundern, diebei allen Mittheilungen der Doktorin stets ihre Ruhe bewahrt. Von der ganzen Familieleben nur noch der Landkammerrath und seine beiden Enkelinnen-"