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Früchte geblieben." Dann entzog er sich diesen schmerzlichen Betrachtungen, deren Pein-lichkeit für die Anwesenden er fühle» mochte, und lenkte die Unterhaltung auf das Theater.
Er bedauerte sehr, durch seinen Zustand an dem Besuche desselben verhindert zu sein,und selbst den neuen Erscheinungen auf der Bühne, die ihm einst so großes Interesse ein-flößte» seine Theilnahme versagen zu müssen. Jfflands Wiener Gastspiel im Jahre 1800war ihm noch so sehr gut in der Erinnerung geblieben, und mit Wohlgefallen sich der-selben hingebend, benützie er die Gelegenheit, dem Künstler ein schmeichelhaftes Lob zuspenden. Auch von dem Schriftsteller Jffland sprach er, sich wohl unterrichtet zeigend,mit Anerkennung und Wärme. Dabei sah er diesen überaus freundlich an und reicht«ihm schließlich die Hand. Als dann der in dieser Weise Geehrte bat, diese Hand aufsein Herz legen zu dürfe», schloß er ihn in seine Arme und küßte ihn, Thränen derRührung vergießend, mit Inbrunst. „ Wenn ich eine große Freude habe", sagte er weich,„dann muß ich weinen. Das will ich durchaus nicht, aber ich kann eS nicht hindern.Daran mag wohl die Schwäche des Aüers schuld sein, denn früher war es anders."Dabei entrang sich ein Seufzer seiner Brust, während das feuchte Auge sehnsüchtig durchdas Fenster in die Ferne schaute.
Weiter lenkte sich das Gespräch auf eine Messe Haydn's, die einige Tage vorherin Eisenstadt zur Aufführung gelangt war. Sogleich sah man ihn freudig erregt, ersprach mit Lebhaftigkeit von seiner Kirchenmusik und schien ganz und gar zu vergessen,daß er ein hinfälliger Greis war. Ohne es zu wissen, gab er Hut und Stock aus den
Händen, die er mit beinahe jugendlicher Kraft hin- und herschwengte- und gcberdete sich,
als ob er wieder an der Spitze des Orchesters stünde. Dabei strahlte sein Antlitz vorWonne und er schien beglückt, den Traum einer besseren Zeit träumen zu dürfen.' Aberdie Täuschung währte nicht lange. Bald mahnte es ihn, der Wirklichkeit zu gedenken,in die er gebannt war. Er nahm Hut und Stock, welche der Diener an sich genommen,von diesem zurück, schloß das Auge zur Hälfte und senkte den Blick, die Kräfte sammelnd,welche ihm noch geblieben waren, zu Boden. So verharrte er noch einige Minutenschweigend, dann nahm er das Gespräch wieder auf, gedachte der Eszterhazpschen Capelleund that Fragen nach den neuesten in Eisenstadt zur Aufführung gelangten Musiken.
Vor nicht langer Zeit hatte man in Wien noch seine „Schöpfung " gegeben. Er war
zugegen gewesen und hatte damals einen der schönsten Ehrentage erlebt» Als die Auf-führung ungefähr bis zur Mitte des Werkes vorgeschritten war, hatte sich in dem voneinem glänzenden Publikum gefüllten Saale ein leichter Zugwind bemerkbar gemacht, dieBcsorgniß weckend, daß der geliebte Greis darunter leiden könne. Dies hatte die Frauenaus den ersten Häusern Wiens bestimmt, zu seinem Schutze ihre kostbaren Shawls her-zugeben, eine Handlung, welche lauten und anhaltenden Jubel weckend, ihn zum Gegen-stände der zartesten Huldigungen machte. Auch hierauf kam er jetzt zu sprechen, lobtedie damalige Aufführung seiner Arbeit als die beste, die er erlebt, und faltete in seligerErinnerung die Hände. „Man hat bei jener Gelegenheit zu viel für mich gethan, zu viel!Wie hat mich dieses Volk gefeiert! O, es ist ein gutes, gutes Volk!" sagte er begeistertund von dem innigsten Dankgefühle ergriffen. Dabei klang seine Stimme beinahe starkund erglänzte das sonst matte Auge in heiligem Feuer.
Jffland nahm jetzt Veranlassung, des Beifalls zu gedenken, welchen Haydn'S„Schöpfung" auch in Berlin gesunden, und erzählte dabei, daß daS Meisterwerk aucheinmal zum Besten der Armen gegeben worden sei und diese Vorstellung mehr als zwei-tausend Thaler eingebracht habe. Sogleich horchte Haydn auf; «in Freudenstrahl flogüber sein Gesicht, und er wiederholte: „Ueber zweitausend Thaler! Und für die Armen!Ueber zweitausend Thaler!" Dann fuhr er, zu dem Diener gewendet, fort: „Hörst dues wohl? Meine „Schöpfung" hat in Berlin über zweitausend Thaler eingetragen, undfür die Armen. Meine Arbeit hat den Armen einen guten Tag gebracht! Das ist herr-lich, das ist tröstlich!" Bei diesen Worten legte er sich ganz zurück in seinen Stuhl, be-deckte das Gesicht mit den Händen und ließ Thränen der Rührung über die Wangen