Ausgabe 
(23.6.1883) 50
 
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rollen. Als er sich wieder erhob, wendete er sich nochmals an seinen Diener, indem ersagte:Merke es dir genau, wie viel dieSchöpfung " den Armen eingetragen, und er-innere mich daran, wenn du mich von trüben Gedanken erfüllt siehst. Das wird micherheitern. Denn achl mit meinem Wirken ist es aus, und meine ganze Weltist die Vergangenheit."

Dann war es wiederum, als fühle er das Peinliche dieses Augenblickes für dieGäste und als bemühe er sich, diesen Eindruck zu verscheuchen.Sie werden auch wohlmeine Ehrenzeichen sehen wollen?" sagte er und befahl dem Diener, sie herbeizuholen.Dieser ging und brachte die Denkmünzen, welche man einst in Petersburg, Paris undLondon auf den großen Musiker geschlagen hatte. Haydn nahm sie in die Hand, erklärtejede einzelne und legte sie dann neben sich nieder. Die Beschäftigung hatte ihn offenbarerquickt, indem sie ihm die Zeiten seines Glanzes zurückrief. Er gestand dies auch selbstein, indem er hinzufügte:Wenn ich diese Münzen betrachte, so werde ich jedesmal vor-übergehend wieder jung. Ich zähle daran mein Leben rückwärts und bin glücklich in derErimerung ruhmvoller Tage."

Jetzt trat eine Pause ein. Haydn schien nachzudenken, ob er nicht noch eine Pflichtgegen die Freunde habe, welche mit so herzlicher Theilnahme in sein Haus gekommenwaren. Endlich erhob er das gesunkene Haupt, und wie im Gefühl, das Nichtige ge-funden zu haben, sagte er:Ich sollte Ihnen doch etwas vorspielen. Freilich ist meinKönnen nicht mehr bedeutend, aber »leine letzte Dichtung wenigstens sollen Sie dochhören. Ich habe sie gesetzt, als vor drei Jahren die französische Armee auf Wien mar-schirte." Er machte dann eine Bewegung,-welche auf die Absicht deutete, aufzustehen.Der Arm des Dieners unterstützte ihn dabei, aber auch Jffland und Schmid traten hinzu,erleichterten mit ihren Händen liebevoll die Schritte des Greises und geleiteten ihn sozum Pianoforte. Langsam ließen sie ihn auf den Sessel gleiten. Das Instrument, vordem er jetzt saß, war nicht mehr das alte von Würmern zerfressene Clavier, mit dessenTönen er einst als armer, unbekannter Musiker um Brot und Ehre warb. Es war einschönes, kostbares Vesitzthum, das aber seinen vollen Werth erst dann erhielt, wenn sichdes Meisters theure Hände darauf legten.Das Lied, welches ich jetzt spielen will",sagte er,heißt: Gott erhalte Franz den Kaiser!" Und als nun seine Finger die Tastenberührten, da war es, als wären sie in den Dienst eines Zauberers getreten. Wieschwach auch diese Hände waren, sie hatten immer noch Macht genug, ein Tonwunderzu bewirken, das ein unvergleichliches genannt werden durste und den Hörer in heiligerAndacht gefesselt hielt. Mit staunenerregender Kunst, wie er begonnen, spielte Haydn die Melodie zu Ende, und als er sich dann endlich, wiederum von den Anwesendenunterstützt, von seinem Sitze erhob, blieb er noch eine' Weile vor dem Pianoforte stehen,legte beide Hände darauf und sagte:Ich spiele dieses Lied jeden Morgen, und oft,wenn unruhige Tage kamen, die mich pcinvoll erregten, habe ich Trost und Erquickungdaraus genommen." Dann ließ er sich langsam zu seinem Stuhle zurückführen. Dabeineigte sich das Haupt ein wenig auf die Brust und es schien, als fühle er das Bedürfnißder Ruhe.

Seine Kräfte waren jetzt offenbar erschöpft. Er schien dies auch selbst zu fühlen,denn er sagte:Ich tauge heute nicht mehr viel. Gott sei mit Ihnen! Es gehe Ihnengut, Adieu l" Schon vorher hatten sich die Gäste gesagt, daß es Zeit sei, zu scheiden.Der Greis hatte Alles gethan, dem Verlangen ihres Herzens zu entsprechen. Mehr vonihm zu fordern, wäre Grausamkeit gewesen und hätte beinahe als ein Versuch erscheinenmüssen, die zarten Fäden, an denen dieses theure Leben hing, zu zerreißen. Der Ab-schied, welcher jetzt folgte, war von tiefer Bewegung begleitet und erweckte ein schmerz-liches Gefühl, das durch keine Hoffnung auf Wiedersehen gemildert wurde. Haydn nahmdie Umarmung der Freunde beinahe schweigend hin, und auch diese vermochten ihrenEmpfindungen nur wenige Worte zu leihen; aber Alle waren mächtig berührt von derBedeutung des Augenblicks, der jeden Nerv ihres Körpers erzittern machte. Unwillk-ir--