Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
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Monmartre bildete, in kunstvoll verschnörkelter Fractur ausgeführt, einen leidlich reinenAccord mit den deutschen Eichentischen und Bausrnstühlen. Nachahmung deutscher Formenund Sitten war hier Alles, was man sah; deutsch war der Stoff den man genoß, deutschdas Glas, der Humpen in stark verjüngtem Maßstabe, aus dem man trank, deutsch zu-mal der Farbendämmer, den dir gemalten Scheiben hervorbrachten. Wie sonderbar, indiesem germanischen Halbdunkel, diesen: künstlich präparirten deutschen Kneiplicht dasPariser Leben umtreiben zu sehen! Der Zeiger der deutschen Standuhr kroch zwischenvier und fünf. Das Wirthshaus war voller Franzosen, die sich an dem bayrischenGetränke gütlich thaten. Viele hielten den Figaro oder La France oder die NopubligusFranyaise zwischen den Fingern, und während sie vielleicht eine landesübliche VerlästeruugDeutschlands lasen, schlürften sie behaglich den Feind hinunter und schmunzelten ob seinerFrische. Und da soll sich's Einer versagen, wiederum den Goethe zu citiren: Den Teufelspürt das Völkchen nie . . .!

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Nachdem wir den deutschen Miniatur-Humpen etliche Male geleert, gingen wirunseres Weges weiter. Auf der Straße vor der Taverne stand ein deutscher Bierkarren,wie man deren zwischen Schwechat und Wien dutzendweise, von schweren Pinzgauerngezogen, treffen kann, und auf dem mit Normannengäulen bespannten Karren lagenschwere Fässer, und auf den Deckeln dieser Fässer war hart über dem Spundloch dasmerkwürdige Wörtchen Spaten brau in's Holz gebrannt. Gegenüber der Taverneaber flatterten ein breiter Streifen weißer Leininand die Schauseite eines andern Wirths-hauses entlang, und auf dem Streifen stand in großen schwarzen Lettern das nicht minderverwunderliche Wörtchen: Hackerbräu.

Wie wär's, wenn wir hinübergingen?" fragte mein Pariser .

Ich hütete mich meinerseits, dir Frage zu verneinen, denn eine Lieb' ist die anderewerth, und bald saßen wir drüben in einem kaum minder prachtvoll ausgestatteten Raumehinter einem Hümpchen, das keinen minder freundlichen Stoff enthielt. Hier wiederlauter Franzosen, von deutschen Formen umgeben, den deutschen Feind ahnungslos indie Kehle schüttend. Man fühlt sich beinahe versucht, den bereits ausgesprochenen Arg-wohn, ob da nicht Bismarck dahinterstecke, für etwas mehr als ein Paradoxon zu halten,und jedenfalls soll man an warmen Nachmittagen nicht allzulang bei Hackerbräu über derleisinnen, sonst läuft man Gefahr, an helllichtem Tage Geisterspuk zu erleben: der feisteGambrinus, der dort über dem -Schänkburschen thront, setzt, sich dann den Kopf desdeutschen Reichskanzlers auf, alle Kellner nehmen die weltbbekannte BiSmarck-Maske vor,und ein mephistophelisches Lächeln blitzt um eines jeden Mund, so oft durstige Gästeden selbstmörderischen Ruf ertönen lassen: ^Oaryoii, un lroolcl" . . .

Ach, es war mir fast zu viel Deutschthum in Bayrisch Paris , zu viel jener ab-sichtlichen, aufdringlichen Manier, welche seit einiger Zeit die Münchener Ausstattungskunstbeherrscht und mit der man jetzt sogar Bierlocale unsicher macht. Gobelins und Bier-seitel, stimmt das zusammen? Deutsche Renaissance und Sauerkraut, sind das verwandteKategorien? Braucht man stylisirte Ledersessel, um Spatenbräu zu trinken, und feinesMeisten« Porcellan, um Knackwürste und Salzbretzeln zu essen? Denn auch die germa-nische Knackwurst und jenes eigenthümliche süddeutsche Gebäck, genannt Laugenbretzel,sind jetzt in Paris heimisch geworden und liegen in allen Bierhäusern auf allen Tischen.Nein, das Bier ist ein Plebejer und will diesen Luxus nicht. Die nackten Trinkstübchenin der Ruhe d'Hauteville waren mir lieber.

Mir auch", sagte der Freund, allein dieser falsche Prunk ist jetzt in der Mode,man thut's nicht ohne Glasmalerei und geschnitztes Eichenholz. Die schlicht eingerichtetenSchänken werden immer seltener. Doch gibt es noch welche . . . wie wär's, wenn wireine aufsuchten?"

Nicht die in der Nur de Richelieu, die Stammmutter von Bayrisch Paris, diekenn' ich! Sie liegt übrigens vortrefflich, auf beinahe klassischem Boden, dem Moliöre-