Nr. 53.
1883.
zur
„Äugsliarger Pofheitnug."
Mittwoch, 4. Juli
Des Jörsters Enkelkind.
Original-Novelle von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
Anna hatte voll tiefem Mitgefühl auf ihren Großvater geblickt, der bei seinemReichthum die Leiden und Entbehrungen des Alters so schwer empfinden mußte. Ihr kamein plötzlicher Gedanke, der eben so schnell zum Entschluß, und sich ihm zuwendend, sagtesie in herzlicher Weise:
„Wenn Sie mir gestatten wollen, Herr Landkammerrath» Ihnen eins dieser Blättervorzulesen, so würde ich dies mit Vergnügen thun!"
Er sah sie einige Augenblicke freundlich an, und erwiderte dann in herzlichem Ton:
„Sie sind sehr gütig, liebes Fräulein, und ich würde Ihr Anerbieten mit Dankannehmen, wenn dies zugleich eine Unterhaltung für Sie und Fräulein Dörner wäret"
„Das Lesen der Zeitungen ist mir seit Jahren eine gewohnte Unterhaltung, diemir zusagt!" sagte Anna und Sophie Dörner setzte hinzu: „Nehmen Sie auf mich keinerleiRücksicht, Herr Landkammerrath, ich werde mich schon mit Thusnelda unterhalten."
„Ich sehe, daß ich mich Ihnen fügen muß", erwiderte mit gewandter Höflichkeitder Schloßherr. „In dem nächsten Zimmer werden Sie Ansichten und Albums finden,die Sie vielleicht noch nicht kennen, und Ihnen daher Vergnügen gewähren werden«Befehlen Sie nur die Lampe anzuzünden!"
Der Abend war in der kleinen Gesellschaft schnell und in befriedigender Weise ver-gangen, denn während nach dem Essen Sophie Dörner und der Landkammerrath sich imSchachspiel versuchten, hatte Anna sich ihrer Cousine gewidmet, und sie für die Zeitentschädigt, die sie ihres Großvaters wegen hatte entbehren müssen. Dieser, als seineGäste und Enkelin ihn verlassen, blieb noch allein in dem Wohngemach zurück, und werihn in seinem Sessel ruhend gesehen, hätte ihn unfehlbar für einen ruhig Schlummerndengehalten. Dennoch schlief er nicht, sondern blickte durch die blaue Brille hindurch aufdie weiche Sammetdecke, die seine Gestalt umhüllte und sann nach. Die zufälligen Worteseiner Enkelin: „Ich bin Großmama's einzige Erbin!" waren ihm während des ganzenAbend gegenwärtig gewesen, denn die schwachsinnige Thusnelda war nicht die einzigeErbin seiner verstorbenen Gattin, es gab noch eine andere, die Tochter seines jüngstenSohnes, welche dieselben Rechte beanspruchen konnte, und deren Großvater und Vor-münder diese Rechte gewiß über kurz oder lang beanspruchen werden.
„Wo mögen sie sein?" fragte er sich nach einer Weile. „Wo leben und wohnensie, nachdem Förster Kohring aus dieser Gegend verschwunden ist, denn auch Bergmannweiß nichts von seinem und des Kindes Aufenthalt? — Aber — aber, großer Himmel!"und hier richtete sich der Gutsherr hastig in seinem,Sessel auf, „stimmen nicht genau dieFamilienverhältnisse dieser Anna Herfrld, die ich auf Thusnelda's Wunsch eingeladen,Mit Kohring's überein? — Ist nicht auch ihr Großvater Förster? Allmächtige Vorsehung!wenn — wenn das junge Mädchen, dessen erster Anblick, ohne daß ich bis jetzt ihr Gesicht