Brunnen gegenüber, in der Mitte zwischen der großen National-Bibliothek und demThüätre Franxais, den beiden Glanzstättrn der französischen Literatur. Hütet euren be-rühmten Esprit, ihr alten Gallier! Der Feind hat mitten in dessen Lieblingsbezirk eineBurg eingerichtet."
„Leider mehrere Burgen. Komm', eine davon will ich dir zeigen."
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Sie lag Boulevard Bonne-Nouvelle und war mit ihren Tischen aus gelb gespren-keltem Marmor, ihren rothbraunen Lederdivan's und Sesseln aus gebogenem Holz nochelegant genug. Wenigstens verschonte man uns diesmal mit gemalten Fenstern undgermanischem Kneiplicht. Nach der Straße hin war der Raum ganz Fenster, und dasPariser Licht konnte in breiten Massen einströmen. Um hineinzukommen, mußte mandurch einen dichten Haufen durstiger Menschen, hindurch, die theils aus Seiteln, theilsaus Krügeln tranken, ganz wie in einem Wiener Biergarten. Ein altes Ehepaar, echtePariser Bourgeoisie, saß hinter seinem -Tischchen, und jedes der Beiden hatte einenhalben Liter Vier vor sich stehen, „nn mos", wie der Franzose sagt, der auch seineBierwörter aus dem Deutschen holt. Vor zwanzig Jahren, vor zehn, vor fünf Jahrenwäre dergleichen ein unerhörtes Schauspiel gewesen. Heiliger Gambrinus, womit solldas enden, wenn schon Monsieur und Madame Prud'homme den Feind in solchen Quan-titäten genießen?
Hinter den ergrauten Häuptern dieser Pariser Bürgersleute erglänzten auf denhohen Scheiben große goldene Buchstaben, einerseits: Oosvenbrau, andererseits: Lalvntor6e Anniest. Weitere Inschriften luden zum Verspeisen von Ostseehäringen, norwegischenAnschovis und Braunschweiger Würsten ein. Ostouerouts xarnio konnte man zu jederStunde haben, wie eine besondere Tafel vermeldete. An der Wand hinter der Comptoir-dame hing das Conterfei einer unermeßlichen Brauerei mit einem Meer von Häusern,einem Wald rauchender Schlote. Oben lief ein zierlich auf Goldgrund gemalter Putten»fries unter der Decke hin: Amorinen und das Münchener Mandel in zahllosen Exem-plaren hantirten da mit Allem, was zum Bierbrauen und Biertrinken gehört, hüpften,tanzten, ritten, kutschirten, spielten mit Schläuchen, Flaschen und Zuckerhüten, mit Pferden,Ochsen und Schweinen, bürsteten, pichten, schoben die Fässer, malzten und maischten,arbeiteten mit Darrhorde, Hopfcnseiher, Braupfanne und Kühlschiff, mit Bottich, Spundeund Zapfen, entrollten in lieblichem Durcheinander ein recht anschauliches Bild von demgeheimen Thun jener neuesten Großmacht, welche deutsches Bier genannt, nicht blosParis und nicht blos Frankreich, sondern nachgerade ganz Europa erobert hat, die halbeWelt überströmt. Sie verhehlten nichts, die rosigen Kobolde. Sie zeigten das Wo unddas Wie, sie ließen die Schmiede sehen und lehrten, wie der Feind dort seine Waffenbereitete. Sie trieben ihr Wesen im hellen Sonnenlichte, zwischen 5 und 6 Uhr Nach-mittags, und wenn einst die Franzosen ganz in der Gewalt des Feindes sich befinden,werde» sie wenigstens nicht klagen können, daß er sie hinterrücks überfallen.
Leider, meinte der Freund, komme das viele Bier nicht allein aus München , welchesin neuester Zeit Wie» und Pilsen verdrängt habe; auch Dortmund, Ulm, Nürnberg tragen zur Ueberschwemmung bei, die elsässischen und einheimischen Biere gar nicht zurechne»; es sei beispielsweise unglaublich, wie viel Wiener Bier in Sevres bei Paris gebraut werde, und die Statistik weise nach, daß gegenwärtig Frankreich fast ebensovielBier erzeuge und verzehre, als Österreich . Dazu komme diese entsetzliche Einfuhr.
„Ja", rief ich, «ich ahne die Zeit, wo ihr alle deutsche Biere werdet über euchkommen lassen, auch die schlechtesten und verrufensten, neben dem Münchener Bock auchdie Braunschweiger Mumme , die Osnabrücker Buße, den Erfurter Schlunz, den BreslauerSchöps, den Halberstädter Muff, den Wittenberger Kater, den Kottbusar Krabbel-an-die-Wand und den Kyritzer Mord-und-Todtschlag . . . Unglücklicherweise' versteht ihr sienicht zu behandeln. Euer Bier wird immer durch den unvermeidlichen Druckapparat ausdem Keller heraufgexumpt, und so gut es schmeckt, so stolz es glänzt, auf dem weiten