Ausgabe 
(30.6.1883) 52
 
Einzelbild herunterladen

41-3

l

Wege, den es vom Zapfen zum Munde machen muß, verliert es denn doch etwas vonseiner Würze."

Möglich, aber wir trink-rn es auch frisch vom Fasse weg."

Wo?"

Hart nebenan."

V 4- *

Offen gestanden, ich hätte nicht gedacht, daß Bayrisch Paris m zwei kurzen Jahrensich dergestalt vergrößern könnte. Da lag wirklich hart an dem Löwenbräue eine Filialeder Pschorr'schen Brauerei, in welcher der braune Trank aus dem Fasse gerabewegs inS GlaSlief. Man nennt das jetzt in Paris äs-xuslation au tonnvau. Auch hier hatten mirMühe, unterzukommen. Lauter durstige Pariser, bis weit hinaus aufs Boulevard. Diejüngsten Kammerverhandlungen waren spurlos an diesen tapferen Kehlen vorübergegangen.Vergebens hatte» verdrießliche Abgeordnete vor dem übermäßigen Biergenusse gewarntund ihren Landsleuten weißzumachen versucht, statt Gerste und Hopfen benutze man aller-hand schädliche Surrogate, als da wären Kartoffelstärke, Melasse, Glycerin, Quassia,Tauscndguldenkraut, Bittsrklee, Belladonna, Ingwer, Tollkraut und Torf, von hundertanderen Giften zu schweigen. Doch der Pariser dachte mit dem Berliner : Bange machengilt nicht! und ging zu Pschorr oder ließ sich den Löwenbräu reichen.

Nun scheinen aber die Franzosen , und das ist besonders merkwürdig, mit demdeutschen Bier auch die deutsche Gründlichkeit einzusaugen. Ich für meine Personwar von unserer Studienreise schon ziemlich müde geworden und hätte am liebsten auf-gehört, mein Freund aber meinte, was man einmal begonnen, müsse man auch durch-führen, und Einiges wolle er mir jedenfalls noch zeigen. Wir gingen das BoulevardSaint-Denis entlang, den volksthümlicheren Geschäftsviertsl zu. Ueberall Bier undBiertrinker. Gewiß, man sieht auch Turiner Wermuth in den Gläsern funkeln, und dertraditionelle Absynth mit dem unheimlichen grünen Opalglanze findet noch Tausende vonLiebhabern. Allein das Hauptgetränk bleibt das Bier. Von der Madeleine bis zurVastille eine Stunde Wegs. leuchtet es allerorten in Seiteln und Kritzeln; die Pariser Boulevards, zwischen deren Häuserreihen schon so viel Macht und Pracht sich entfaltethat, welche so viel Weltgeschichte vorüberfluthen sahen, sie sind heute wie eine Triumph-straße des germanischen Gerstenweines.

Wir bogen rechts auf das Boulevard Sebastopol ein und standen bald wieder voreiner, nein, vor zwei hart aneinanderstoßenden Tavernen mit gemalten Fenstern, wovondie eine Hackerbräu, die andere Kulmbacher Bier auSschänkte. So tritt in dem modernenParis immer ein Bräu dem andern in die Pfanne. Die Concurrenz scheint sehr heftigzu sein. München gegen Wien, Culmbach gegen München , Spatenbräu gegen Hackerbräuund Hackerbräu gegen Löwenbräu ein förmlicher Visrkrieg wüthet durch die Gassender Seinestadt, und nur im Kampfe gegen die Franzosen sind alle diese Gegner einig.Ich will nicht darauf schwören, aber mir schien's wirklich manchmal, als wäre der Franzosen Witz bereits etwas träger geworden, als wären in gewissen Dingen ihre Irrthümer undVorurtheile dergestalt ineinander verfilzt, daß kein Mensch mehr den Wirrwarr schlichtenkann. Himmelweit liegt jetzt die freche Preisfrage hinter uns:bin nllo-nunä, pout-ilavoir äs I'ssxrit?"

2 *

*

Trotz aller Zureden ließ ich mich nicht mehr bewegen, einzutreten und den Pariser Tag durch bunte Scherben zu betrachten. Ich hatte mich an dem Luxus satt getrunken,ich sehnte mich nach einer einfachen Kneipe. Ob wohl das elsässische Bierhaus am oberenEnde des Faubourg Saint-Denis, wo wir gleichfalls einst so manchen Abend bei einemleidlichen Trunke verplaudert, noch bestand?

Gewiß," versicherte der Freund,und ganz unverändert,"

Wir besteigen einen Wagen, um rascher hinzukommen. Der Ort hatte in der Thatsein früheres Gesicht bewabrt. Es waren die alten einfachen Lederbänke und Marmor