Ausgabe 
(7.7.1883) 54
 
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ein buntbewegtes Leben. Es ist Pfingstmontag, also der Vorabend der berühmten Spring«procession. Kram« und Schießbuden, Caroufsels und Seiltänzergrsellschaften, kurz, allemöglichen Belustigungen find hier unter lauter Theilnahme der entzückten Stadtjugendim Begriff, sich auf morgen zu rüsten.

Echternacher Brücke" heißt die auf preußischem Gebiet liegende Häusergruppe aufder andern Seite der Sauer. Sehr beachtenswerth ist die noch aus der Nömerzeit her-rührende, 117 Meter lange Brücke, deren massige Quadern dem Zahn der Jahrhunderteund bei so manchen Hochfluthen insbesondere der Gewalt des Elementes in einer staunen- .

erregenden Art getrotzt haben. Von dieser Brücke schaute bis Ende der sechsziger Jahredas Standbild des Abtes Bertels in die kristallhelle Fluth hinab. Der große Historikergenoß bei den Echternachern ein solches Ansehen, daß sie das Standbild, um es vor derZerstörung durch die Franzose» zu bewahren, 1794 in die Sauer vergruben. Das wiederan seinen Platz gebrachte, inzwischen aber verfallene Monument ist bis dahin noch nichtwieder ersetzt worden. Der Blick gerade ausgerichtet, fällt auf die steilen Wände desvon einem reichen Sagenkreis umwobenenErnzer Berges". Hier schmiedete zur Zeitder Begründung der Abtei der im Volksniund heute noch fortlebende Zauberer Kitzeleseine gefürchtet«» Ränke gegen die mächtigenGlousterhäere". Im nahegelegenenDeivel-schoart" (Teufelsspalt) hatten dämonische Unholde ihre unerreichbaren Schlupfwinkel.

Daneben waren die dem Gebet gewidmete» Klausen frommer Einsiedler erstandenalles allmälig verhallende Echos des auf diesem Boden mit besonderer Zähigkeit aus-gefochtenen Kampfes des Christenthums mit der Götterlehre der Römer und FrankensDer Berg, wenn auch nur zur Hälfte erklommen, bietet eine mehr als lohnende Aussicht.

Zu Füßen die Stadt, seitwärts mit Reben bepflanzte Abhänge, im Hintergründe derEingang zu dem mit vielem Glück erschlossenen Aesbuchthale, zur Rechten wie gegenüberwaldreiche Höhen, überragt von prächtigen Felsgebilden, die einer Kette künstlich erbauterFestungswerke ähnlich sehen.

In dieses wunderbare Bild vertieft, höre ich von« Thurm der Pfarrkirche herwohl als Festgelävte zum Willibrordustag die feierlich schönen Klänge einer tief-tönenden Glocke; wie ich später hörte, ein Geschenk des Kaisers Maximilian. 1512hatte er in Trier den von hier nach Köln verlegten Reichstag eröffnet. Hierbei mitseinem Gefolge nach Echternach zur Verehrung des h. Srbastianus, eines der Schutz-patrone gegen die gefürchtet« Pest, gekommen, wurde er Zeuge der Springprocession.

Diese geschichtliche Thatsache ist Gegenstand der Darstellung eines 1553 von unbekannter

Hand gemalten Oelbildes, das, wie ich mich auf dem inzwischen angetretenen Rückgänge

zur Stadt überzeugt habe, noch gegenwärtig in der Pfarrkirche sich vorfindet. An der

Hauptstraße fiel mir ein im Stile der Abtei erbautes Patricierhaus auf. Ueber dem

Thorweg las ich den Wahrspruch: Lola, rriisoria ouret cura, ot inviäin. Im ersten V

Augenblick klingen die Worte seltsam, und doch, es ist ivahr: nur im Unglück ist man

frei von Besorgniß und ohne Neider. Wie mir später mein biederer Hirschwirth erzählte,

war das Haus Aesitzthum der Grafen Rieth von Dierf. Wer weiß? Vielleicht liegt in

jener Devise ein Stück Familiengeschichte ausgesprochen.

Es ist Pfingst -Dienstag. Schon die früheste Morgenstunde brachte in die ziemlichengen Straßen ein gewaltiges Leben. Unausgesetzt strömten große Pilgerschaaren herbei,bald Processionen, bald kleinere Gruppen alle andachtsvoll die Willbirordus-Litaneisingend oder betend. Auf meinem Wege zur Kirche stieß ich vor dem Gasthof auf einenKnäuel halbwüchsiger Burschen. Ihre anfangs nicht verstandene Frage im Ortsdialekt:

Dangt er mech, fir mat ze spränge?" vermochte ich erst nach einigem Parlamentiren zu

enträthseln. Sie hatten mir richtig abgesehen, daß ich als Willibrordus-Tänzer woh!

nicht qualificirt sei. Allen Nichttänzern wird Gelegenheit geboten, tanzen zu lasse««. Daher ^

die Frage: Dingt Ihr mich, um mit zu springen? Auf den, preußische» Ufer der Sauer

stand gegen 8 Uhr eine unabsehbare Volksmenge. Von einer improvisirten Kanzel herab

hielt ein noch jugendlicher Priester in deutscher Sprache die Festpredigt. Mit deren