Ausgabe 
(7.7.1883) 54
 
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<- Schluß vermochte ich mich aus dem sich entwickelnden Gewühls nur mit Mühe zu meinemGasthof zu retten. Von dessen dicht besetzten Fenstern aus ließ ich das bunte Bild dersonderbaren Procession an mir vorüberziehen. Hinter dem zahlreichen Klerus, der miteinem mächtigen Männerchor die Procession eröffnend die Willibrordus-Litanei anstimmte,folgte ein verstärktes Musikcorps, welches in berauschenden Tönen den nun folgendenSpringern zum Willibrordus-Tanz aufspielte. Auf die Springer folgten an 2000 Pilger,die sich auf das Beten des Rosenkranzes beschränkten. 23 Gendarmen, eine AnzahlTurner und das städtische Pompier-Corps befaßten sich mit Handhabung der Ordnung.^ Mein Interesse galt ausschließlich den Springern. Der amtlichen Zählung zufolge warenes ihrer 9528, die alle in theilweise wildem Wogen und Drängen nach der von denverschiedenen Capellen immer wiederholten eintönigen Weise hüpften, tanzten und sprangen.Die schnelltactige Melodie nähert sich ganz dem manchem aus der Zeit der Jugendspielswohlbekannten Liede:

Abraham hat sieben Söhne, sieben Söhn' hat Abraham;

Sie aßen nichts, sie tranken nichts, sie machten alle sa.

Der Tradition nach sollen fünf Schritte vorwärts und drei Schritte rückwärts,oder drei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts gemacht werden. Von einemrhythmischen und gefälligen Tanze, wie er sich z. B. in Spanien auch bei religiösenFesten als Ausdruck nationaler Sitte erhalten hat, war hier nur bei verschwindendWenigen die Rede. Bei dem großen Haufen war der Eindruck des Ordnungslosen undstellenweise förmlich Ungefälligen vorherrschend. Manchem, besonders aus dem Kreiseder Jugend, las man den Schalk im Gesicht ab. Gleichwohl fehlte es auch nicht an er-bauenden Momenten. Die Mehrzahl der Theilnehmer, welche nebenbei gesagt, fast aus-schließlich den ländlichen Kreisen Luxemburgs, der Eifel und den Moselstrichen angehören,scheint in dem Glauben zu handeln, ein gutes Werk zu thun. Und Gutes zu wollen,ist ja an sich schon gut. Rührend war der Eindruck von so manchem alten Mütterchen,das, ungeachtet der Last der Jahre, trotz der förmlichen Glühhitze des Tages, tanzendund springend sich mit fortschleppte. Abgesehen von den verschiedenen programmmäßigenCapellen wird die Procession von einer Anzahl freiwilliger Solisten begleitet. Violin-spieler und Trommler, Trompeten und Schalmaisn sieht man in kurzen Abständen aufdie Procession vertheilt; alle spielen mit bewundernswerther Ausdauer zum sogenanntenWillibrordus-Tanz auf. Die sich immer wiederholende Melodie erinnert in ihrer Ein-tönigkeit unwillkürlich an. die Musik eines irländischen Marsches. Die Procession, derenWeg zwar nur ein Kilometer lang ist, aber doch zwei Stunden Zeit in Anspruch nimmt,endigt in der Pfarrkirche. Auch hier noch wird das Springen fortgesetzt: das rechteSeitenschiff hinauf, um den Altar herum, das linke Seitenschiff hinunter bis zum Kirch-hof. Ein dreimaliges Nundspringen um das große Kirchhofskreuz beschließt den Tanz.Kaum ist die Procession zu Ende, so tritt das Volksfest in seine Rechte: eine Kirmeß^ in großem Stil. Von der sogenannten bessern Gesellschaft des Luxemburger Ländchenshat sich ein gut Theil der eleganten Damen und Herren-Welt ein fröhliches Stelldichein^ gegeben. Gesprungen wird auch von ihnen, allerdings erst Abends in den Räumen der

' Casino-Gesellschaft nach Straß'schen Weisen. Nachmittags vereinigt sich alles im Abtei-

aarten bei Kaffee und Conzert»

(Schluß folgt.)

Miseellsrr.

(Reicher Kindersegen.) In einer der letzten Nummern derEstafette",einem Madrider Journal, lesen wir folgenden merkwürdigen Vorfall, den wir wir seinerOriginalität wegen unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Jüngst kehrte nach Galizien »seinem Heimathslande, ein Greis von 93 Jahren zurück, der vor 70 Jahren nach Amerika auf die Suche nach Glücksgütern gegangen war» Er besitzt heute mit Kindern, Enkeln,und Uerenkeln die stattliche Zahl von 197 Familienmitgliedern» außerdem eine großeAnzahl von Schwiegersöhnen, die sämmtlich mit ihm in seinem eigenen Dampfer nach