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zeichen entkleidet hatte, setzte man sich nieder zum heitern Mahle. Der perlende Weinöffnete bald Herz und Mund zu fröhlichen Reden und Toasten. Auch der abwesendenSchwestern wurde gedacht und Paul war nicht der letzte, der in begeisterten Worten derFrauen Lob verkündete. Freilich dachte er nicht dabei an die stille, züchtige Elsa, sonderner erblickte die herrliche Gestalt Friederike's und träumte, in ihr Wonne verheißendesGlutauge zu blicken. Vergessen waren alle Schwüre von ewiger Liebe und Treue, ver-schwunden der Zauber, den früher sein Weib auf ihn geübt. Was sollten ihm dietraurigen Blicke der Dulderin! Lied, Liebe und Wein führten ihn einem neuen Lebenentgegen. Die Bande eines thörichten Aberglaubens lagen zerrissen zu seinen Füßen,goldene Freiheit, und bestrickender Genuß winkte ihm, und er folgte dem Rufe. Langegenug hatte er die Welt verachtet und unter der Wucht alter Vorurtheile geschmachtet,'jetzt war es Licht in ihm geworden und sein heißes Blut wollte im Strudel des LebensKühlung und Erquickung suchen. Der Thor, der einst Wein, Weib und Gesang ver-achtete, hatte dem genießenden Menschen Platz gemacht. Deshalb stimmte er mit Herzund Mund in das Lied ein:
Morgen liebe, was bis heuteNie der Liebe sich gefreut IWas sich stets der Liebe freute,
Liebe morgen, wie bis heutl
Die Wolken fingen schon an, vom Glänze der neuauftauchenden Sonne sich zu ver-golden, als die angeheitert« Gesellschaft das Logengebäude verließ.
Hatte sonst oft ein bitteres Neuegefühl Pauls Brust ergriffen, wenn er nach durch-wachten Nächten seiner Elsa sich nahte, so empfand er heute fast Bitterkeit und Aergerüber sein Weib als er die Treppe zu seiner Wohnung Hinanstieg. Kein Wort der Ent-schuldigung kam über seine Lippen, als er die zarte Gestalt und das bleiche Gesicht Elsa'Serblickte, auf dem sich die Spuren vergossener Thränen nicht hatten verwischen lassen.Er wollte ja jetzt das Leben genießen, nicht in Kummer und Schmerz sein Dasein Hin-fristen. Nach einigen gleichgiltigen Worten suchte er sein Zimmer auf, um dort einigeStunden der Ruhe zu pflegen. Aber Ruhe und Schlaf flohen ihn. Kaum sielen die
müden Augen zu» so umgaukelten ihn die wilden Gebilde seiner aufgeregten Phantasie,
er lag im schwarze» Sarg der Loge und die Brüder schlugen hohnlachend den Deckelzu; er hält Friederike's herrliche Gestalt umschlungen; aber sie entwand sich lachendseinen Armen und drohenden, haßerfüllten Blickes stand ihr Vater vor ihm; er wollte zu
seiner Elsa flüchten, aber er fand nur den starren, todten Leib seines Weibes» Müder,
als er sich gelegt, erhob er sich vom Lager, um durch Lektüre die düstern Bilder zu ver-scheuchen. Neue Bücher lagen auf seinem Schreibtische. Er nahm das erste in die Handund las als Motto des armen Dichters Worte:
„O legt nicht schlafen das Gewissen,
Seid wach und seid auf Gott gestellt!
Es ist ein schlechtes RuhekissenDie Sturmeswoge dieser Welt."
Vor einiger Zeit hätte Paul sicher das Buch durchgeblättert. Jetzt legte er es ver-ächtlich beiseite. Er wollte ja ohne Gott und Gewissen in den Sturmeswogen der WeltGlück und Ruhe finden! Des deutschen Satyr's Lieder, die in neuer golbstrotzenderPrachtausgabe ihr Gift bargen, taugten eher zu Pauls Stimmung und wiederholt laSer die Worte:
Herz, mein Herz sei nicht beklommen,und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.
Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und mein Herz, was dir gefällt,
Alles, Alles darfst du lieben!