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Das waren für Paul Worte der Erbauung und des Trostes. Hatte er ja dochin der Loge gelernt das Evangelium der Entsagung zu verwerfen und das Wort von derFreiheit des Fleisches an dessen Stelle zu setzen. Mit weniger finsterer Miene, als ergekommen, setzte er sich zu Tische, liebkoste seine kleine Lina und benachrichtigte Elsanach eingenommenem Mahle von seinem Plane, an dem nachmittägigen Ausfluge der Bruderund Schwestern theil zu nehmen. Daß Elsa nicht dabei sein konnte, wußte er, dennseit sie sich zum zweiten Male Mutter fühlte wurde sie von öfterem Unwolsrin befallenund mied deshalb mehr als je alle Gesellschaften.
Achtes Kapitel.
Den schreckt nicht des Grabes
Offne Nacht, nicht Erd' aus den Leichnam mit dumpfem GetöseNiedergeworfen, nicht Stille verlassener, einsanier Gräber,
Noch der Verwesung Bild, wer, wenn dies alles sein wartet,
Weiß, daß Gott ihn dereinst in seinen Himmel hmausrust,
An dem Tage der großen Geburt in das Leben der Engel.
Ueber die kahlen Stoppelfelder wehte der Herbstwind. Auch in dem baumbeschattetenHäuschen in der Nähe des Sees, das Elsa wieder bewohnte, schien das Leben ersterbenzu wollen. Trotz sorgfältigster Pflege der Wittwe und des heitern Geplauders ihresKindes wollten sich trübe Wolken, die stets das blasse Gesicht beschatteten, nicht verziehen.
Ein beängstigender Husten hatte sich eingestellt und mit Bangen mußte man demAugenblicke entgegensehen, wo sie einem zweiten Kinde das Leben geben sollte. Dazukam das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, das stets beengender wurde, je seltenerBriese von Paul einliefen, der unter dem Vorwande dringender Arbeit in G. . . . zurück-geblieben war und die den Tag seiner Ankunft stets weiter hinausschob. Das liebendeWeib erkannte die Gefahr, in der ihr Mann schwebte, und obgleich vernachlässigt undzurückgesetzt, schlug ihr Herz in gleicher Liebe für den Gatten, dem sie am Altare ewigeTreue geschworen. Ohnmächtig stand sie dem hereinbrechenden Unheil gegenüber undnur der Allwissende und Allbarmherzige hörte ihr Flehen. Hatte sie doch sehen müssen,wie Paul, ihren Bitten und Thränen ausweichend, ganz nur der Loge lebte, und kaumden Abend warten konnte, der ihn zu Friederike brachte. Dort saß er singend, redend»spielend die halbe Nacht im Banne der schönen Augen, und wenn die übrigen sich ent-fernt hatten, so sog er von den Lippen des schönen Mädchens neue Lebenslust. Briefe,glühend voll Liebe und Sehnsucht, waren in Elsa's Hände gekommen und hatten ihrüber des Gatten Thun die Augen vollends geöffnet. Sie konnte den Bann nicht brechen,sie wollte aber auch nicht Augenzeuge des Ehebruchs sein, darum hatte sie, früher alssonst, G. . . . verlassen, um in einsamer Stille der schrecklichen Zukunft entgegenzusehen.Wird Gott dem Verhörten die Augen öffnen, wird sie sein Kind, alles verzeihend,ihm in die Arme legen können? So quälte, so kümmerte sie sich und sah bange undlange jedem kommenden Tage entgegen. Wie konnte doch ein einziges Jahr so vielUnheil auf ei» schuldloses Haupt häufen, wie ihr Leben zu einem gänzlich verfehltengestalten! Klar, rein und ruhig, wie der Spiegel des Sees, wenn kein Lufthauch dieGewässer bewegt, war ihr Herz, bis Pauls Unruhe und unstetes Haschen und Ringenes bis in die innersten Tiefen erzittern ließ. Wie konnte sie denn gerade einem solchenManne, ihre Liebe schenken? — Doch es war Gottes Wille, er hatte sie mit dem Manneverbunden und Niemand sollte das Band zerreißen.
Solch trüben Gedanken hing auch heute Elsa auf eine Ruhebank vor dem Hausesitzend nach, als sie Herrn Folger auf sich zukommen sah. Was wollte der unheimlicheMann bei ihr? Bisher war sie von seinen Besuchen verschont geblieben. Höflich grüßenderkundigte sich der Gutsbesitzer nach ihrem Befinden und fragte, ob es erlaubt sei, P latz-u nehmen, da er wichtige Nachrichten aus G. . . . bringe. Elsa geleitete ihn in ihrneinfaches Wohnzimmer und Folger begann nun: „Es ist mir, hochverehrte Frau, voG. . . . aus ein sehr unerfreulicher und unangenehmer uftrag zu theil geworden, alleindie Freundespflicht erlaubt nicht, daß ich ihn ablehne. AZudem glaube ich Ihnen noch