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eine Gefälligkeit erweisen zu können, wenn ich die für Sie jedenfalls bittere Nachricht inetwas milderer Form, als es ein Brief zuläßt, übermittle.
Wie Ihnen, verehrte Frau, vielleicht bekannt sein wird, verkehrt unser lieber FreundPaul sehr viel im Hause Flemmings und sein gegen alles Schöne sehr empfänglichesGemüth gerieth durch den steten Umgang mit Friederike, der Tochter des Hauses, innicht geringe Aufregung. Diese steigerte sich während Ihrer Abwesenheit zu innigerVertraulichkeit und gegenseitiger Zuneigung. So lange das Verhältniß ein harmloserFreundschaftsbund blieb, sah Herr Flemming dem Treiben der beiden ohne Einrede zu,jetzt aber, da die ganze Stadt darauf aufmerksam geworden ist, glaubt er auf Lösungoder Ehe dringen zu müssen. Leider hat es seine Schwierigkeiten, jedoch sind die Hinder-nisse nicht unübersteigbar, wenn von allen Seiten Ernst und guter Wille vorhanden ist.Von Trennung will weder Paul noch Friederike etwas hören. Gegen die Trauung istdie Unauflöslichkeit der Ehe der Katholiken, dabei muß ich Ihnen noch gestehen, daß Paultrotz seiner Leidenschaft immer noch in alten Vorurtheilen steckt und nicht recht an eineScheidung von Ihnen und seinem Kinde, sowie an den Uebertritt zum Protestantismusdenken will, obgleich letzteres nur Formsache wäre. Nun läßt Sie, hochverehrte Frau,Herr Flemming ersuchen, Sie möchten Ihrem Mann, der Ihnen ja doch schon langeentfernt ist und nie mehr zu Ihnen zurückkehren wird, völlig freigeben und ihm diesschriftlich anzuzeigen. Auch Ihre Freundin Friederike bittet Sir um das Gleiche." —Jetzt erhob sich flammenden Auges das tiefgekränkte Weib und ersuchte mit einer Mieneder Verachtung und einem Ton, den man dem zarten Wesen nie zugetraut hätte,"HerrnFolger, seine Bemühungen einzustellen und sie nicht weiter zu belästigen. Dieser aber,als merkte er die Entrüstung und den Abscheu der beleidigten Frau nicht, suchte sieniederzuhalten, da er noch nicht zu Ende sei. Gleich als berühre sie eine giftige Natterstieß Elsa des Gutsbesitzers Hände zurück, überwand sich aber doch, ihn ausreden zulassen. Er fuhr fort: „Sie scheinen mich, hochverehrte Frau, gänzlich zu verkennen,damit Sie aber sehen, daß ich und meine Freunde für Ihr Wohl tief bekümmert sind,so erlaube ich mir, Ihnen auf unbeschränkte Zeit mein Haus zur freien Verfügung zustellen. Meine Therese, die Wittwe des Jagdaufsehers, die Ihnen noch im Gedächtnißsein wird, wird es sich zur Ehre rechnen, Sie zu unterhalten und zu verpflegen, so daßSie mit Ruhe dem Kommendem entgegensehen können." — Diese Zumuthung hatte nochgesehlt. Mit einem jähen Weheruse sank das bis in das innerste Mark verletzte undbeschimpfte Weib auf den Boden des Zimmers. Auf diesen Ruf eilte die brave Haus-frau herbei und suchte die Regungslose wieder zum Leben zu wecken. Folger entferntesich mit dem Versprechen, einen Arzt zu senden. Lange trotzte die tiefe Ohnmacht allenLebensversuchen und herzlichen Zusprächen Agathe's. Endlich schlug die Arme die Augenauf, aber nur um nach herzzerreißendem Schluchzen wieder in die Kissen des Sopha'szurückzusinken. Händeringend stand die treue Pflegerin vor der Kranken, laut aufschreiendbeugte sich Lina über die leblose Mutter. Als der Arzt kam, hatten mitleidige Nachbarn-frauen den geliebten Gast in das Bett gebracht und dort ruhte nun die Dulderin, sanftund still, als habe Gott sie von ihrem Leiden erlöst. Doch die Prüfung war noch nichtüberstanden. Schwache Pulsschlüge verkündeten nach langein Bemühen des Arztes, daßdas Herz noch nicht zu schlagen aufgehört habe. Allmählig kehrte das Bewußtsein iviederund die blassen Lippen öffneten sich zu innigem Gebete. „Gott , mein Gott, verlaß michnicht", hauchte die Sterbende. „Ervarme Dich seiner, seines Kindes und meiner. Laßmich büßen für seine Sünden, doch rette ihn, rette sein Kind! Nimm mich als Opferund das Kind in meinem Leibe, erlöse mich! Maria hilf! Amen." — Nun öffnete siedie Augen, erblickte ihr Kind, streckte die matten Arme nach ihm aus und drückte denletzten Kuh auf den unschuldigen Mund. Dann legte sie die erkaltenden Hände auf dasHaupt des weinenden Lieblings und murmelte den Segenswunsch einer sterbenden Mutter.„Lina, liebe den Vater!" war ihr letztes Wort. Der würdige Pfarrer des Ortes, derherbeigeeilt war, hatte kaum die letzte Oelung gespendet, da hielt der Arzt ein todtes