Ausgabe 
(1.8.1883) 61
 
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Knäblein in den Armen, auf dem der letzte, scheidende Blick der Mutter ruhte.Siehat ausgerungen", sprach feuchten Blickes der Geistliche,lasset uns ein Vaterunser beten."Schluchzend warfen sich die Anwesenden auf die Knie und flehten für die Seele derDulderin,ko^uissvat in pacv", sprach jetzt sich erhebend der Pfarrer.Geht indie Kirche und betet, damit der letzte Wunsch der Verstorbenen erfüllt werde." Niemandwußte ihn, doch bald, während die Todtenglocke wimmerte, lag die ganze Gemeinde inbrünstigem Gebete auf den Knien im Gotteshause.

(Schluß folgt.)

Goldkörner.

Der Groschen klingt nicht, wenn er bleibt allein.

Gib ihm Genossen, wird es anders sein;

Willkommen ist auch einer Blume Glanz,

Doch nur aus vielen windet man den Kranz.

Setz einen Frosch auf goldenen Stuhl,

Er springt doch wieder in den Pfuhl.

Der Wagen ist zu sehr beschwert,

Kein Wunder, daß er langsam fährt.

Die Kränkung schmerzte: schwer war sie gewiß:

Die beste Heilung aber ist: Vergiß!

Nicht wo der Fluß sich raschen Laus's bewegt,

Er ist am tiefsten, wo er kaum sich regt.

Willkomm'ner Nachricht wünscht man schnellen Flug,

Ein Unglücksbote kommt stets früh genug.

Wozu das Unkraut noch beziehen?

Es wird empor von selber schießen.

Den ganzen Kuchen, wie gut er sei,

Verdirbt ein übelriechend Ei. F. B eck.

Zehn Minuten Eisenbahnfahrt.

Der Zug hatte soeben London verlassen; ich saß allein in einem Coupö ersterKlasse. Da öffnet sich die Thür und ein Mann springt mit dem Rufe hinein:Wärebeinah' nicht mitgekommen, ging eben noch gutl"

Ein halsbrecherisches Stück Arbeit, dachte ich, auf einen Zug zu springen, derbereits in der Fahrt begriffen ist, wenn auch in langsamer. Aber was ging's mich an. Die Engländer haben ja ihre Schrullen. Der neue Passagier schien auch überhauptein gewöhnliches Exemplar der Menschheit zu sein, denn er knüpfte sofort ein Gesprächmit mir an, und das kommt in England , diesem Lande der Zugeknöpftheit, demNicht«vorgestellten" gegenüber selten vor. Er renommirte mit den großen Reisen, die er gemachthabe. In Italien, Rußland, Indien, China, Timbuktu sei er gewesen, so versicherte er,den Nordpol und auch den Südpol habe er besucht.

Da kennen Sie ja so ziemlich alle Gegenden der Erde ", meinte ich in ungläubigem

Tone.

So verhält es sich", versicherte der Unbekannte.Aber das genügt mir nicht.Ich muß auch den Mond kennen lernen. Niemand darf sich als einen großen Reisendenbezeichnen, der dort nicht gewesen ist."

Aber außer den Nomanfiguren von Julius Verne haben nur wenige Leute dieseTour unternommen", warf ich ein, auf den vermeintlichen Scherz eingehend.

Richtig! Und doch, wie angenehm würde ein Ausflug dorthin sein, gerade jetzt,da auf dieser Erde ein so verwünschter Nebel herrscht. Hegen Sie aber gar keine Sehn-sucht, eine solche Reise zu machen?"

Entschieden nein", lachte ich.Ich möchte, ich wäre zu Hause vor meinem be-haglichen Kamin, denn auch dort ist es besser als in der Nebelluft draußen."