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„In der That. Der Nebel ist abscheulich. Und wie er stinkt!" Dabei öffnete erdas Schiebfenster der Waggonthür, so daß der häßlich duftende Nebel eindrang.
„Er ist wirklich weder für die Augen noch für die Kehle vortheilhaft", sagte ichverdrießlich. «Also . . ."
„Also wären Sie mir dankbar, wenn ich Sie von dem Verweilen im Nebel be-freie? Das will ich." In seinen Augen blitzte etwas Unheimliches: er rückte mir ganrnahe und flüsterte: „Ich kann Sie vom Nebel befreien — Sie und mich selbst."
Dabei knöpfte er den Nock dicht zu und streifte den Aermel desselben halb auf. s
Jetzt zum erstenmale leuchtete der Gedanke in mir auf, daß der Unbekannte geistes-gestört sein werde. Ich fixirte ihn. Ja, es blieb kein Zweifel übrig: der unstäte Blick,das seltsame Zucken um die Mundwinkel bestätigen es, ich war allein im Coupä miteine»» Wahnsinnigen, wahrscheinlich mit einem entsprungenen Tollhäusler.
Ich bin nicht muthlos, habe mehrere Male auf Reisen und im Kriege dem drohen-den Tode fest in's Auge geblickt, aber hier überlief es mich eiskalt und der Angstschweißperlte auf meiner Stirne. Der Unbekannte trug alle Anzeichen eines Mannes von un-gewöhnlicher Körperkraft; wenn er sich auf mich stürzte, könnte ich kaum hoffen, ihn ab-zuwehren im Stande zu sein.
Und toll war er, ganz toll! Nur ein Toller konnte in dieser Weise lachen wie er,als er mir zuraunte: „Wir werden zusammen die Reise nach dem Monde machen. Adieu,Nebel I Nun, mein Herr, sagen Sie doch dem Nebel Lebewohl I"
Ich erhob mich, auf einen Kampf gefaßt. Es gebrach »lir an jeglicher Waffe, nurauf meine beiden Fäuste konnte ich zählen. Doch hoffte ich, daß wir jeden Augenblickdie Station erreichen würden, woselbst auf mein Hülferufen rasch Beistand kommen mußte.
Vielleicht half die Fortsetzung des Gesprächs. „Ihr Ballon", bemerkte ich, „würdein einer solchen Nacht schwerlich reisen können. Die Atmosphäre ist zu dick."
„Zu dick? Glauben Sie das?"
„Ja. Der Nebel ist so stark, daß wir nicht hindurchkommen würden."
„Abrr es ist des Versuches werth." Er sprang auf und griff nach meiner Kehle:«Auf diese Art wollen wir anfangen. So gewinne ich Gas für die Tour. Erst tödteich Sie, dann mich; Sie gehe» voran, ich folge."
Einen lauten Schrei um Hülfe aussioßend, der aber in dem Geraffel deS Expreß-Zuges gänzlich verloren gehen mußte» rang ich verzweifelt mit dem Wahnsinnigen. Erwar stark, riesig stark, aber die Angst gab mir zunächst Riesenkräfte. Einige Minuten(so kam es mir vor) währte dieser Kampf, eng umklammert drängten wir uns vor- undrückwärts im Coupe. Ich fühlte den Athem des Wahnsinnigen heiß in meinem Gesicht,ich hörte das Knirschen seiner Zähne, blickte in seine grimmig funkelnden Augen. Einweißer Schaum trat vor seine Lippen.
Endlich ließ er mich los. Da tanzten die Lichter der ersten Station vor denFenstern vorbei — ich hatte vergessen, daß der Expreßzug hier nicht anhalte!
Mich überkam es wie eine Lähmung, die Arme fielen mir schlaff am Körper her-unter, und als nach kurzem Athemholen der Wahnsinnige zum zweiten Male anpackte,hatte er kaum den Widerstand zu bewältigen, wie ihn ein Kind leisten würde. Er warfmich zu Boden und kniete auf meiner Brust.
, „Ich habe ein Messer", zischte er mir durch die zugekniffenen Lippen zu. „Damitkönnen wir uns einen Weg durch den Nebel schneiden. Wir werden die Reise nach demMonde antreten." Und Langsam suchte er in seinen Taschen nach dem Messer,
Hüflos lag ich da, und nun überkam mich eine eigenthümliche Stimmung. Innächster Nähe vor einem schrecklichen Tode, ganz in der Macht des Tobsüchtigen, hatteich doch keineswegs das Bewußtsein verloren, gewann vielmehr plötzlich meine volleFassung und bildete so ruhig meine Gedanken, als handle es sich um eine dritte Person.Ich wunderte mich, daß der Zug so langsam ging, nur schien es, als bewege er sich nurim Schneckentempo vorwärts. Ich dachte an meine Lieben daheim, wie sie sich wundern