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würben, wenn ich heute nicht anlange. Ich bedauerte, daß ein so schätzbares Mitgliedder menschlichen Gesellschaft ein so elendes Ende finden sollte. Ich betrachtete kühl undaufmerksam die Gesichtszüge des Tollen und fand sie recht abstoßend. Sein Halstuch,blau mit weißen Punkten mißfiel mir. Auch an einen Schuhmacher dachte ich, dein ichnoch eine kleine Summe schuldete, und der meine Adresse nicht kannte; es that mir leid,daß der Mann um fein Geld kommen werde. Und noch unzählige solcher Gedankenflogen mir wie Blitzesschnelle durch mein Gehirn — mir schien es, als ob eine unend-liche Zeit seit meiner Niederlage verflossen sei, während in Wirklichkeit kaum eine Minuteseit derselben vergangen sein mochte.
Mit gemächlicher Ruhe zog endlich der Wahnsinnige ein großes Taschenmesser herausund öffnete die lange, blanke Klinge, welche durch eine einschnappende Feder zum Fest-stehen im Heft gebracht wird. Ich las die Sheffielder Firma auf dem Stahl, so nahe
blitzte derselbe vor meinem Gesicht.
„Jetzt werde ich Ihnen den Hals abschneiden, dann geht es nach dem Monde.Aber bitte, verlassen Sie den Waggon nicht eher, bis auch ich so weit bin."
„Damit ist es nichts", antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich bin schnell. Gehe ich
zuerst, so werden Sie mir schwerlich nachkommen, aber weshalb wollen Sie denn nichtvorangehen?"
„Ich vorangehen?"
„Nun ja, natürlich, Sie sind stark, muthig, haben ein Messer. Sie haben ja selbsterklärt, daß Sie den Weg bahnen können."
„Freilich, freilich, das vergaß ich. Natürlich ich muß voran, Sie haben ganz Recht.Ich will den Weg bahnen, folgen Sie nml" Und bei diesen unerwarteten Reden über-kam mich plötzlich wieder ein furchtbares Grausen vor dem schrecklichen Menschen.
Im selben Moment zog er die scharfe Klinge quer über seine eigene Kehle, einheißer Blutquell überströmte mich. . . . Das Messer fiel aus seiner Hand, er sank aufdie Seite. Ich sprang auf und schrie aus dem Fenster um Hülfe. Der Zug gingbereits langsamer, die Haltestation war erreicht.
Die Wunde war keine tödtliche, ja, sie hatte, wie ich später erfuhr, insofern einegute Wirkung, als die Tobsucht des Unglücklichen in Folge des starken Blutverlustes sichmilderte. Er war am selben Abend erst aus einer Heilanstalt entsprungen.
Als ich auf meine Uhr blickte, fand ich zu meinem Staunen, daß die entsetzlicheFahrt, die mir eine Ewigkeit zu dauern geschienen hatte, in Wirklichkeit kaum zehn Minutenwährte. Es waren die längsten zehn Minuten meines Lebens.
Miseelleir.
(Der kluge Kutscher.) Ein kürzlich vermähltes englisches Ehepaar von den„oberen Zehntausend" beschloß, die Hochzeitsreise zu Wagen zu machen, da dies der junge»Frau viel poetischer erschien, als auf den Allerweltswegen mit der Eisenbahn zu fahren.Um diese lästige Neugierde zu vermeiden, womit die Leute auf dem Lande und in denkleinen Städten gewöhnlich ein neuvermähltes Paar zu verfolgen pflegen, gab Sir Ar-thur seinem irländischen Kutscher gemessenen Befehl, Niemanden unterwegs zu erzählen,daß die Hochzeit erst eben stattgefunden habe, wobei er drohte, ihn bei Zuwider-handeln sofort zu entlassen. Pat versprach den strengsten Gehorsam; allein schon amfolgenden Morgen hatten Sir Arthur und seine junge Gemahlin die unangenehme Ueber-raschung', die ganze Bewohnerschaft des Ortes bei ihrem Erscheinen zusammenlaufenzu sehen. Die Leute im Gasthaus und auf der Straße starrten sie neugierig an,indem sie sich gegenseitig zuflüsterten: „Das sind siel das sind sie!" Am nächsten Tagespielte sich in einem anderen Orte die nämliche Scene ab. Voll Entrüstung rief SirArthur den Kutscher ins Zimmer, um ihm seine augenblickliche Entlassung anzukündigen,weil er ausgeplaudert habe, was er geheim halten sollte. „Was soll ich denn gesagthaben?" rief Pat zerknirscht. „Kerl", fuhr ihn sein Herr ärgerlich an, „du hast jedes-