Ausgabe 
(8.8.1883) 63
 
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Londoner Polizei.

London ist keine Stadt, es ist eine Provinz, die mit Häusern bedeckt ist, eine Wildnißvon Mauerstein und Mörtelirgendwo begrenzt durch die Ewigkeit", würde ein Uankeesagen, welcher diedicken Worte" liebt, und sich gern eines Hagelschlages von Super-lativen bedient, um dem Fremdling etwas klar und deutlich zu sagen. Wer da vermeinte,eine genaue Lrief-Adresse zu gebrauchen» so er schriebe:Mr. John Smilh, 10 GeorgeStreet, London, hätte eben so gut die Adresse:Mr. Smith in Europa " anwendenkönnen. Es gibt ein halbes Hundert George Street in der Themseestadt, und wennauch das Postamt wohl eine Stichprobe nach dem sichern Smith hier und da vornehmendürfte, so wäre doch die größer« Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß das Schreibenin das Bureau fürtodte Briefe" wandern würde. In Anbetracht der ungeheuern Ent-fernungen wird es auch für ein unsühnbareS Vergehen gehalten, wenn Jemand ein ge-schäftliches Rendezvous nicht wenigstens innerhalb der akademischen Viertelstunde einhält.Ein Fremder verlöre sofort seine Kaste als Gentleman, falls er einen Engländer zurvereinbarten Stunde am vereinbarten Orte auch nur warten ließe, selbst wenn es sichdabei gar nicht um Pfunde, Shilling« und Pence handelte, sondern um die Prüfungeiner Sorte Portwein oder um die Besprechung eines Hunde-Wettrennens. Wenn HeinrichHeine davor warnt, einen Poeten nach London zu schicken, so können diese Worte nurverdrießlicher Laune zugeschrieben werden. Mondschein-Elegien und Frühlings-Epopöenwürden freilich einem sanftherzigen Schwaben ausStuckert am Neckar " in der Feder-pose stecken bleiben: aber gerade in London spricht das Leben, wie es an dem Augevvrüberrollt, in Dramen und Tragödien oder in erschütternden Possen. Auch die letztemsind auf so gewaltigem Hintergründe meist an jener bedeutungsvollen Wehmuth reich,wie sie in den Aussprüchen des Hofnarren König Lear's widerklingt. Welche Welt vonGegensätzen liegt zwischen dem über alle irdische Noth erhabenen Glänze des Westends,wo das Familienleben des Adels und der Plutokratie sich nach der Etiquette regelt, wiesie unter Ludwig dem Vierzehnten, dem Prächtigen, Sitte gewesen, und zwischen jenemElend im Ostende , wo die Armuth ihre Thränen trinkt und täglich eine Niobe inmitteneiner Gruppe abgehärmter Kinder an irgend einem Prellpfeiler einer nebelverhülltenGasse verhungert»

Wohnte dem Engländer nicht ein so gründlicher Gesetzessinn inne, und folgtennicht auch die niedrigen Klaffen einem starken Triebe, wenigstens äußerlich denGentlemanvon Natur" zur Geltung zu bringen, so wäre es unerklärlich» wie es wenigen TausendPoliceman ein halber Sicherheitswächter auf ein wohlgezähltes Mille von musculösenBriten gelingen könnte, eine solche unermeßliche Wohnstatt vor Gewaltskrisen zuschützen. Dies fällt um so mehr in's Gewicht, da der Freiheitssinn John Bull's dieEinführung einer polizeilichen WohnungS-Meldung als einen unerträglichen Eingriff inseine geheiligte Ungeschorenheit betrachten würde. Eine bescheidene Anfrage wegen frühernWohnortes und Jahrestages seiner werthen Geburt würde bei ihm eine Antwort er-fahren, i>ie sich weder in ungereimter noch gereimter Sprache drucken ließe. Da über-dies der Policeman in kein Haus eindringen darf, es sei denn, er hörte den Ruf:Hülfe!Mörder!" so sind es in der That wenige Handhaben, die ihm die Ausführung seinesBerufes erleichtern. Nur die Nachtherbergen niedrigster, bedenklichster Art sind der Auf-sicht unterstellt, und ebenso muß jeder Bier- oder Weinwirth alljährlich um Erneuerungseiner Concession sich vor dem Polizeirichter stellen, und er riskirt das kostspieligste Ge-schäft, falls irgend eine Beschwerde über üble Vorgänge in feiner Localität gegen ihnvorliegen sollte. Der wüsten Schlachten beim Gelage gäbe es indessen dennoch mehr,wenn Trinkschulven, loco contrahirt, einklagbar wären. So erklärt es sich, daß überden Schenktischen auf dem Lande, für Alle, die da kommen, erkennbar, die warnendeInschrift zu lesen steht:?oor Oroäit is cksnä", d. h.:Der arme Kerl Pump ist todt!"

Der Engländer knöpft sich gern den Nock zu, wenn er irgendwo von einem Fremd-ling, der seinen Accenten nach mit dem Englischen nicht recht umzugehen weiß, plötzlich