Ausgabe 
(8.8.1883) 63
 
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Man kann sich den Schmerz der Eltern vorstellen, als sie nach so vielen Mühen,diese ihre letzte Anstrengung zur Herstellung des Friedens vereitelt sahen, denn Leo'SCharakter ließ auf diese Zurückweisung des Vorschlags seines Bruders, keine Versöhnungmehr erwarten. Eine ganze Woche war Leo abwesend vom Hause gewesen und schienselbst die Gegend verlassen zu haben, Bei seiner endlichen Wiederkehr hatte er ein somildes Aussehen, daß ihm gerne Alles aus dem Weg ging und sogar sein Vater vermiedeine ernste Zurechtweisung. Er selbst sprach auch mit Niemanden, sondern ging schweigsaman seine Arbeit und warf nur zeitweise einen Blick voll Haß auf seinen Bruder.

So konnte es nicht lange bleiben, denn dieser versteckte Zorn konnte bei der geringstenVeranlassung zum Ausbruch kommen und ein Unglück herbeiführen. Die Ältern machtendenn gewissenhaft zwei Theile aus ihrer Besitzung, und da sie das Zimmer, das sie sichvorbehalten hatten, nicht länger beanspruchen wollten, bezogen sie mit Seppli das neueHaus. Leo schien nichts weniger als böse darüber zu sein, um so mehr als ihm auchdie große Wiese verblieb, die sie sich anfänglich zu ihrer eigenen Nutznießung vorbehaltenhatten. Ohngeachtet, daß Leo nunmehr ein schönes Besitzthum hatte, so pflog dochkeiner seiner Nachbarn näheren Umgang mit ihm; dies würde wohl jedem Anderen un-erträglich geworden sein, ihm aber schien es zu gefallen, daß er überall Furcht einflößte.Von diesem Benehmen machte er nur mit einem Kaufmann, Namens Gern« zu Sarnen eine Ausnahme, der einen sehr einträglichen Handel mit Kunstgegenständen trieb, vor-zugsweise für Kirchen, und war immer einer der besten Kundschaften der Familie Niedergewesen. Leo fuhr fort ihm seine Arbeiten zu liefern und zwar, wie Vater Nieder undSeppli erfuhren, unter dem bisherigen Preise. Um sich nun nicht den Anschein vonGewinnsucht zu geben und um anderseits nicht die Zeit mit dem Detailverkauf zu ver-lieren, thaten sie das Gleich«, obwohl Kaufmann Gerner» der vermöglich war, es nichtgefordert hatte.

Gerner hatte eine einzige Tochter, die für die größte Schönheit im ganzen Unter-rvalden galt und die fremden Künstler, die mit ihrem Vater verkehrten, hatten bei ihrenBesuchen wenig Aufmerksamkeit für die Kunstsachen und vermochten kaum die Blicke vondem schönen, blonden Mariele zu wenden, denn es war wohl kein schöneres Madonnen-»nodell zn finden; aber so getreu sie auch ihre Bilder darnach zu malen glaubten, soblieben sie damit doch weit vom Originale zurück, dieser Liebreiz und diese Anmuth ver-mochten sie nicht wiederzugeben.

(Fortsetzung folgt.)

GoldkSrner.

Wenn Alle hinken auf dem gleichen» Bei»,

Dünkt richtig Jedem wohl sein Gang zu fein.in grünen Laub da ist der Vöael Welt;ie bau'n kein Nest im Baum, den man gefällt.

Ein wackerer Soldat! Ihn lobt der Freund; ,

Er gälte mehr noch, lobt ihn auch der Feind.

Der Apfel, den du stahlst ein saurer Bissen IKind, merke dir's, dich mahnte dein Gewissen.

Ein Allerweltsfreund o hüte dich!

Ist Niemand's Freund; er liebt nur sich.

Spend' Allen Lob, such' Alle zu gewinnen,

Du wirst der Mißgunst doch nie ganz entrinnen.

Wer kaum zu schreiben noch versteht, ^

Schilt auf die Feder, daß schlecht sie geht.

Was willst du deinen Rock nicht tragen? ^

Die Motten werden ihn zernagen.

Horch wie die Mutter sinkt und lustig scheint, ^ ,

Dem Kind zu Lieb', das in der Wiege weint! F. B eck.