Ausgabe 
(8.8.1883) 63
 
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Vaters Nieder und die Vorstellungen der Mutter das Uebel nur noch vermehrten.Noch schlimmer wurde eS, als die Brüder in ein Alter kamen, wo die Liebe in denjungen Herzen erwachte; natürlich zogen die jungen Mädchen den hübschen, sanftenSeppli dem mürrischen und zänkischen Leo vor. Diesen Vorzug konnte ihm denn diesernicht verzeihen und die schlimmste Leidenschaft, die Eifersucht, die schon die stärkstenBande der Freundschaft und Liebe zu zerreißen vermochte, setzte der Feindseligkeit derBrüder noch die Krone auf.

Von da an konnten sich die Eltern zwischen ihre Söhne nicht mehr in's Mittellegen und mußten sich schließlich in ihr Unglück fügen.Ach", sagte einmal der alteNieder zu seiner Frau, als er wieder argen Verdruß hatte,ich dachte mir immer diebeiden Kinder würden einst zusammen diesen schönen Hof bewohnen; sie hätten auchhinreichend Platz, selbst wenn jeder ein Nest von Kindern hätte. Die Stallungen könntendie doppelte Zahl Vieh fassen, als wir haben und die Speicher würden dem reichstenBauern im Entlibuch genügen; aber diese Hoffnung ist dahin, diese Jungen würden sichunter demselben Dach tödten, wenn sie nicht überwacht würden. So bleibt uns denn nurnoch Eins übrig, nämlich, daß wir ein zweites Haus bauen, und damit es nicht zu neuenHändeln kommt, muß es mit diesem völlig gleich sein. Dann mag das Loos entscheidenwer von ihnen das neue Haus beziehen soll, und während wir sie auf diese Weisetrennen, beugen wir vielleicht einem großen Unglücke vor. Was sagst Du zu diesem Plan?"

Wenn Du glaubst, daß wir dies in unseren alten Tagen noch unternehmenkönnen, so wird es wohl das Beste sein", antwortete sie gutmüthig,denn so getrenntwerden sie ohne Zweifel irn besseren Einvernehmen leben, wenn wir nicht mehr bei ihnensind und in's Mittel treten können."

Nieder war gewohnt einen gefaßten Entschluß auch rasch auszuführen und setzte sichdenn alsbald an's Werk. Es besaß die Mittel den Bau zu beschleunigen; die Nachbarnwaren, einem alten Landesbrauch nach, auch bereit ihm während des Baues im Beischaffendes Holzes und der Steine Hilfe zu leisten und so stand das fragliche Gebäude bis zumHerbste fix und fertig da. Und damit auch der Himmel diesem Plane Gedeihen schenkenmöge, baten sie den ehrwürdigen Pfarrer dann das Geschäft: die Verloosung in disHand zu nehmen. Sie behielten sich im alten Hause nur ein Zimmer vor, um bis zuihrem Ende darin leben zu können.

Der Pfarrer entsprach bereitwilligst ihrem Ansinnen und hielt vor dem Geschäfteine so ergreifende Rede, daß die Eltern und Seppli zu Thränen gerührt wurden. AnLeo waren aber die Mahnungen des würdigen Geistlichen spurlos vorübergegangen ihnbeherrschte nur der eine Gedanke: wenn das Schicksal mir das neue HauS schenkt, ver-zichte ich gerne auf alles Urbrige.

Der Pfarrer reichte ihm, als dem Netteren, den Teller auf dem die Laose lagen;'er zauderte einen Augenblick und seine Hand zitterte, als er nach einem Loose griff; alser es entfaltete, wechselte er die Gesichtsfarbe und einen Fluch ausstoßend, stampfte ermit dem Fuße auf den Boden; es war ihm das alte Haus zugefallen.

Der Pfarrer wich vor Schrecken zurück als er die Wuth des Unglücklichen gewahrte.Seppli, der es vorgezogen hätte bei seinen Eltern zu bleiben, trat rasch auf Leo zu undsagte ihm die Hand bietend:Höre, Bruder, ich habe die Absicht unserer Eltern wohlbegriffen; sie haben das neue Haus gebaut in der Erwartung, daß dann Friede zwischenuns würde, wenn wir nicht mehr unter einem Dache zusammen wohnten und nichts mehrgemeinschaftlich zu besorgen hätten. Wir haben ihnen durch unsere Zwietracht schonKummer genug bereitet und wollen ihre letzte Hoffnung nicht vernichten, nimm mein Loo»,Bruder, ich trete es Dir gerne ab."

Leo's Gesicht verzog sich eigenthümlich, zwei Entschlüsse schienen mächtig in ihm zukämpfe», aber nicht lange währte dieser Kampf, wuthentbrannt schrie er:Geh' zumTeufel mit Deinem verfluchten Loose, ich will von Dir keine Gunst!" und verließ intzrößter Heftigkeit die Stube.