im Nachfolgenden wiedererzählen und wenn es auch nicht so sehr romantisch ist, so möchte j
es vielleicht doch so manches Interessante enthalten, daß es den Leser nicht gereuen >
dürfte, seine Zeit hierauf verwendet zu haben; wir lassen also unseren Gewährsmann .
erzählen. j
„In dem, dem Dorfe zunächst liegenden der fraglichen Gebäude, welches das ältere i
ist, lebte ehedem ein Mann, der in der ganzen Gegend unter dem Namen „der große ^
Nieder« bekannt war; aus einem armen Jungen ist er allmälig ein reicher Mana ge« /
worden, denn er war nicht nur Oekonom, sondern befleißigte sich nebenbei auch noch einer
Beschäftigung, die nicht einträglicher hätte sein können. — Er hatte nämlich in seiner ,
Jugend im Berner Oberland auf der anderen Seite des Brünig die Bildhauerei in Holz '
erlernt, worin er später mit den besten Meistern wetteiferte und es gelang ihm auch den >
protestantischen Bernerkünstlern gegenüber, sich durch seine Erzeugnisse, die fast durchgehends !
aus kleinen Cruzifixen, Madonnen und Heiligenbildern bestanden, sich bei seinen Lanvsleuten i
einen so bedeutenden Ruf zu verschaffen, daß es kaum ein Haus oder eine Hütte gab, woman nicht ein Herrgottbild des geschickten Bildhauers fand. — Zudem lebte Nieder mit«einer Familie sehr sparsam, obgleich er nur zwei Kinder besaß. Diese Kinder waren Zivil-inge und hatten von dem Vater den Geist wie die Geschicklichkeit geerbt, und als sieälter wurden, war es schwer zu sagen, wer besser schnitzte, Vater Nieder, der brauneLeo oder der blonde Seppli. Dadurch vergrößerte sich denn der Gewinn für die Familiemehr und mehr und der alte Meister Nieder hatte sehr zufrieden und glücklich lebenkönnen, wenn auf dieser Welt nicht ein Jeder mehr oder minder sein Kreuz zu tragen
hätte, und dieses Kreuz wurde leider von Jahr zu Jahr drückender für ihn; — mit
seiner guten Frau war er stets ein Herz und eine Seele, aber wie leider so häufig,
kamen alle Sorgen und aller Kummer ihm just durch jene zu, welche seine Freude, sein
Stolz und seine Hoffnung sein sollten — nämlich durch seine Kinder. Man konnte denbeiden jungen Leuten nicht vorwerfen, daß sie nicht brav und arbeitsam oder unverträglichmit ihren Nachbarn waren, nein, sie waren nur unter sich stets in Streit und Haderund Niemand, der nicht Zeuge von diesen beständigen Zwistigkeiten und Gehässigkeitendieser Geschwister gewesen, hätte geglaubt, daß diese Beiden an der Brust einer und der« ^selben Mutter geruht hätten, und wenn es als Naturgesetz angenommen wird, daß Zwil-linge nicht nur im Aeußern, sondern auch in ihren Neigungen und geistige» Eigen-schaften sich ähnlich sind und daß sie eine besondere Liebe zu einander besitzen/ so hätteman allerdings glauben mögen, daß sie nicht beide von Vater Nieder stammten, da sie j
in Nichts sich ähnlich waren. — Leo von brauner Hautfarbe, wie man eS häufig beiden Männern unserer Gegend findet, hatte schwarze Augen und Haare, der Kopf wardick und rund, dabei besaß er Knochen und Muskeln wie ein Niese und er hatte nochnicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht, als schon Niemand nach Hirtenart mehr mitihm, wenn auch nur im Spiele, kämpfen wollte. Er war stets ernst reizbar und zornig !und wenn er einmal gegen Jemanden Haß gefaßt hatte, war er unversöhnlich. — SeinBruder Seppli dagegen war in Allem das Gegentheil. Seine Haare blond, wie die f
seiner Mutter, umgaben mit ihren Locken sein zartes Gesicht und seine schönen blauen !
Augen drückten die Sanftmuth seiner Seele aus; in Kraft und Wuchs gab er seinemBruder durchaus nicht nach, aber in seiner Tounüre doch wohl verschieden und die jungenMädchen wußten wohl, warum ihnen das Blut in die Wangen stieg, wenn sie ihm un-^vermuthet begegneten und warum sie ihm wohlgefällig nachsahen, wenn sie sich von ihmunbeachtet glaubten, und außer diesen Vorzügen war er auch sanft in seinen Manieren,worin er völlig seiner Mutter glich. Er lebte mit Allen im besten Einvernehmen, nurmit Dem nicht, den er der Natur gemäß am meisten lieben sollte. Schon im zartenAlter stritten und rauften sich die beiden Brüder und zwar nicht wie gewöhnlich dieKinder in jugendlicher Lust, sondern im gegenseitigen Grimme, namentlich von SeiteLeo's. — Weder die Thränen der Mutter, noch die strengen Züchtigungen des Vatersvermochten den Frieden herzustellen, im Gegentheil es schien, daß der Haselstock des