Uiiterüaktunggökatl'
jur
„Ärrgsburger Postjeitnng."
Nr. 63.
Mittwoch» 8. August
1883.
„Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne."
NacherMlt von F. Carnevllle.
(Nachdruck «erböte».)
I.
Das reizende Luzern verlassend, wanderte ich den schönen Vierwaldstädter See ent-lang bis Spitzen-Eck, wo ich mit dem Nachen nach Stanzstad überfuhr und damit denromantischen Kanton Unterwalden betrat, der seiner Naturschönheiten wegen wohl eine«der anmuthigsten Kantone der Schweiz ist, und der Weg von Stanzstad über den Brünigdürfte den Wanderer genügend für die Strapazen lohnen, die er hierauf verwendet. —Die Haupt- und Nebenthäler Unterwaldens von lustigen Gebirgsbächen durchflojsen, undvon prächtigen Nadelwäldern überragt, über welche hinweg man die schneeigen Gipfelder Alpen erblickt, die reizenden Ortschaften mit ihren Wiesen und Obsthainen und dieschönen Seen, welche die Landschaft zieren, all' das läßt das Herz ferin aufjauchzenvor Lust auf dieser Wanderung; aber auch historische Erinnerungen erwachen hieben werdenkt nicht «n das Völklein, das hier mit voller Thatkraft für seine Unabhängigkeit stritt,wer erinnert sich nicht seiner Jugendzeit, wo ihn Schillers „Wilhelm Tell" begeisterte,wo er sich in diese Berge und Schluchten versetzte und diese starken Männer mit ihreneisernen Muskeln und dies? schönen Frauen mit ihren blonden Haaren bewunderte. —Aber in der hier folgenden Erzählung handelt es sich nicht, die Kraft und Schönheitder Bewohner zu preisen, nicht um Schilderung der Herrlichkeiten dieser Gegend, sondernwir wollen darin einfach die Geschichte zweier Länder mittheilen, die hier ihre Heimathhatten. - -
Wenn man auf oben erwähnter Wanderung den Brünig herabsieigt, liegt am Fußedesselben das Dorf Lungern , und vor man an den Ort kommt, fallen dem Reisendenzwei, von schönen Wiesen umgebene, hübsch und solid gebaute Gebirgshäuser auf, diein ihrer Bauart völlig gleich unfern von einander liegen und über deren Eingangs-thüren mit großen Buchstaben die Worte „zur Eintracht" gemalt sind.
Im Wirthshaus« zu Lungern kehrte ich zu und nahm, ziemlich ermüdet von meinerFußtour neben einem geistlichen Herrn Platz, der ebenfalls als Gast anwesend war;nachdem ich einige Labung zu mir genommen und mit dem geistlichen Herrn mich unter-halten hatte, gesellte sich auch ein alter, robuster Mann zu uns, besten Anzug undSprechart ihn als einen Unterwaldler kundgab und aus besten Leutseligkeit wir auchbald inne wurden, daß er aus Lungern gebürtig war. Ich bat ihn dann um Aufschlußwegen der Eigenthümlichkeit dieser beiden Anwesen und er antwortete: „Ja, Herr, dasist eine lange Geschichte, die ich Euch wohl erzählen will, wenn Ihr Zeit und Geduldhabt sie anzuhören"; — ich bot ihm eine Cigarre an und lud ihn ein, uns nur zu er-zählen, da ich mit dem geistlichen Herrn schon vorher wegen dieser originellen Aufschriftengesprochen hatte und annehmen konnte, daß er sicher»^ nicht minder neugierig war, daseigentliche Sachverhältniß kennen zu lernen.
Das was uns dann der gute Alte mittheilte, will ich nun den freundlichen Leserrz