Ausgabe 
(11.8.1883) 64
 
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Nr. 64.

1885

zur

Äugslmrger PostMmg."

Samstag, 11. August

Jur Eintracht" oderSchuld und Sühne."

Nacherzählt von F. Carneville.

(Fortsetzung.)

Leo kam oft in Gerner's Haus, wobei er sich immer das Ansehen des friedliebendstenMenschen zu geben wußte. Gerner erkannte alsbald, daß diese Besuche weniger ihm alsseiner Tochter galten, was ihm übrigens gar nicht unangenehm war. Leo war wohl-habend, war ein ausgezeichneter Arbeiter in seinem Fache, und wenn er auch, wie mansagte, etwas derb war, wußte man ihm eben hiezu wenigst möglich Gelegenheit geben,kurz, Gerner hatte in ihm noch nichts Uebles entdeckt, und wenn Leo um die Hand seinerTochter angehalten hätte, würde er, vorausgesetzt, daß Mariele hiemit einverstanden ge-wesen wäre, nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; so ging die Sage. Mariele'sGedanke» stimmten aber nicht mit denen ihres Vaters überein. Dieser Leo, sagte sie sich,ist ein Duckmäuser, selbst wenn Alles, was man von ihm sagt, nicht wahr wäre, nnchschaudert, so oft er mich anlächelt, und wahrlich lieber in ein Kloster gehen, als diesenMann heirathen, ja, gewiß, wenn mein Vater mich hiezu nöthigen wollte, würde ichNonne werden!"

Gerner dachte aber nicht im geringsten daran, ihr hierin irgend einen Zwang an-zulegen, denn Mariele wad seine einzige Freude, sein einziges Glück auf dieser Erde,und als sie eines Tages von ihrem Vater wegen Leo aufgezogen wurde, und hreberdrohte, eher den Schleier nehmen zu wollen, war Gerner rasch entschlossen seinen Verkehr nntdem jungen Manne zu ändern und ihm zu zeigen, daß er seinen Erwartungen in dieserBeziehung entsagen müsse, er wurde auch viel weniger mittheilsam gegen ihn, und er-laubte sich sogar öfter seine Arbeiten zu tadeln, was er sonst nie gethan hatte.

Dies Benehmen Gerner's erweckte die gehässigen Gesinnungen Leo's gegen seinenBruder aus's Neue, denn durch seine Leidenschaft verblendet, schien er überzeugt sein zudürfen, daß er diese Abweisung lediglich den Anschwärzungen Seppli's zu danken habe.Diese Annahme war aber durchaus falsch, Seppli hatte zwar jedes Zusammentreffen mitseinem Bruder bei Gerner vermieden, aber gewiß nicht in böswilliger Absicht, sondernlediglich aus Furcht, A möchte irgend eine Geringfügigkeit Anlaß geben, den Streitwieder anzufachen.

Wir wissen, wie schwer das Herz eines jungen Mädchens zu ergründen ist undes darf deshalb nicht wundern, wenn Gerner nicht ahnte, was in dem seines Kindesvorging; der glückliche Seppli dagegen mißkannte es nicht. Er mußte, daß sein Bild inihrem Herzen ebenso tief stund, als das der Jungfrau in seinem; er wußte es, wie wennes ihm eine Stimme im Traum verkündet hätte, denn Mariele hat noch nicht im Geringstenetwas verrathen, und er selbst hatte bis jetzt nicht den Muth gehabt, sein Schicksal ausihren Auge» zu lesen. .

Aber dieser Muth kam »hm plötzlich eines Tages, als er Gerner Waaren bringenwollte, und Mariele allein zu Hause traf .... sie verständigten sich gar bald und ander Thürschwelle beim Abschiede fragte Seppli noch:Willst Du mir auch treu bleiben,