Mariele?" — »Bis zum Tode!" murmelte das junge Mädchen, „aber nicht wahr, dieWelt braucht es vorerst nicht zu wissen, daß wir uns so innig lieben?"
„Mein, sicherlich", antwortete freudig bewegt der glückliche Seppli, „Niemand solles erfahren, vor nicht der Frühling kommt, ünd unsere Vater ihre Einwilligung gegebenhaben."
Ihre Lippen besiegelten das Versprechen, und rasch verließ er das glückliche Mädchen,auf daß sie in ihrem Geheimnisse nicht von ihrem Vater überrascht werden möchten.
Während des darauffolgenden Herbstes und Winters brachte Seppli mehr Arbeitennach Sarnen als je zuvor; aber Niemand ahnte, was sich die Blicke der beiden Liebendensägten, während er den Neben Gerner'S ^ zuhörte, und Mariele auf der Ofenbank saßund emsig zu stricken schien.
So verging die Zeit bis zum Frühling, wo endlich ein Lichtstrahl in Gerner'SGeist fiel und in seiner Ueberraschnng sagte er zu sich: „Alter Narr, der ich bin, wohabe ich denn die Zeit, über meine Augen gehabt?"
Es war am Ostersonntäg Mittags, als Marie!« ihren Seppli an der Hand in'SZimmer trat, und vor ihren Vater hintretend, zwar etwas verlegen, aber doch ohne Zagen,sprach: „Hier, Vater, ist der, den ich gewühlt habe, wenn Ihr keine Einwendung dagegenzu machen habt!"
Gerner hatte zweifelsohne nichts einzuwenden, denn hiedurch erfüllte sich ein Wunsch,den er längst im Stillen genährt hatte, die Hände erhebend setzte er sie zum Zeichen seinesSegens über die Häupter der Glücklichen, welche dir Arme ineinandergeschlungen vor ihmstanden. — Den nächsten Sonntag wurde das Aufgebot in der Kirche zu Sarnen undLungern verkündet; als aber vom Pfarrer in Lungern unmittelbar darauf auch das Auf-gebot Leo'S erfolgte, geschah dies zur großen Ueberraschung der Anwesenden. Dies Er-staunen war auch nicht weniger in der Familie Nieder selbst» welche hievon vorher keineSilbe gewußt hatte, und es mischte sich eine gewisse Unruhe bei, denn eine Stimmesagte Jedem, daß dieser Entschluß Leo'S nicht aus Liebe, sondern aus Haß geschah.
Diese Voraussetzung war auch richtig. Als Leo alle Hoffnung verloren hatte, die 'Tochter Gerner'S heiinzusühren, machte er die Bekanntschaft mit der Tochter eines reichenBauern zu Sächseln, welche trotz des Geldes ihres Vaters und ihres Rufes einer tüch-tigen Wirthschaften«, noch keinen Freier gefunden hatte, was wohl nicht allein daher kam,weil sie keine besondere Körperreize besaß, sondern zunächst wegen ihres Charakters, dermit dem Leo's viel Aehnliches hatte; selbst. Leo zögerte hiewegen einige Zeit, als ihmaber seine Mutter die Verlobung Seppli's mit der Tochter Gerner'S mittheilte, war erwüthend über diese Nachricht und eilte sogleich nach Sächseln, wo noch selben Abendsseine Werbung angenommen wurde. Er gab aber weder seinen Eltern, noch sonstJemanden hievon Kenntniß, und selbst den Pfarrer verständigte er erst Samstag Abends -behufs des Aufgebotes hievon. '
So wurden denn die beiden Söhne Nieder'Z zu gleicher Zeit getraut. Aber im ^
Hause Leo's gingen bald außergewöhnliche Dinge vor. Die Eintracht hatte ein Jahr E
nicht viel überdauert gehabt, und der Himmel wollte auch nicht, daß durch die Geburt !
eines Kindes dieselbe wieder hergestellt worden wäre. Die große Sparsamkeit und i
Thätigkeit Leo's hatte zwar seine Wohlhabenheit zusehends gehoben, aber Reichthum allein j
schafft noch kein Glück. — Leo war jähzornig und grob wie immer; seine Frau in ihremgleichfalls heftigen Charakter, wenngleich nicht ohne natürliche Gutheit, gab ihm in Nichts !nach. Der geringsten Kleinigkeit halber, entstund Zank und so lebhafter Streit, daß es ^weist zu Thätlichkeiten kam und bald verging keine Woche, daß die Frau nicht mit blauen !Augen, der Mann nicht mit zerkraztem Gesicht einherging. In diesen ehelichen Zwist sicheinmischen zu wollen, hieße zwischen Hammer und Amboß gerathen, denn dann hätten sichsicherlich die Gatten dem Eindringlinge gegenüber geeint. — Selbst der Pfarrer machtediese Erfahrung, als er eines Tages vom Vater Nieder, der vergeblich mehrere Versuchegemacht hatte, gebeten wurde, seinen Einfluß und sein Ansehen geltend machen zu wollen,