Ausgabe 
(11.8.1883) 64
 
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um den Friede» wieder herzustellen. Er begab sich denn zu Leo; aber es verging kaumeine halbe Stunde, als er eiligst das Haus wieder verließ und den Eltern versicherte»daß hier nichts helfen könne, er sei froh wieder heil davon gekommen zu sein und werdesich nie mehr einmischen, mögen sie sich todtschlagen; hier vermag nur die Hand desHöchsten Abhülfe zu schaffen.

Welchen Contrast bot dagegen das Wohnhaus Seppli's zu Sarnen , wo er aufBitten seines Schwiegervaters und Mariele's mit Zustimmung seiner Eltern in Gerner't.Haus sein Heim aufgeschlagen hatte. Hier schien Alles vereinigt, die Liebe, der Friede,das Glück und der Segen des Himmels. Die Schönheit Marien's hatte sich noch mehrentfaltet und wenn sie ihr reizendes Kind am Busen hielt, so gab es in der ganzer,Kunstsammlung ihres Baters keine Madonna, die in ihrer rührenden Anmuth sich mit ihrmessen konnten.

Auch der alte Nieder und seine Frau benutzten jede sich bietende Gelegenheit sichso oft und so lange zu Sarnen aufzuhalten, als es nur die Umstände gestatteten, dem»sie fanden hier Alles, was sie im alten Hause zu Lungern vermissen mußten, und ins-besondere war es auch die Liebe zu dem Enkelein, die sie anzog. < Leo's hatten sie sichallmählig entwöhnt, denn er vermied sie mehr und mehr und wich sogar jeder Begegnungaus, wenn es nur immer möglich war.

Aber auf dieser Erde sind die Tage des Glückes leider gezählt. Dies mußten auchSeppli und Mariele erfahren, denn Vater und Mutter Nieder starben kurz auf einander,mit der sorgfältigsten Liebe der gangen Familie Seppli's bis zur letzte» Stunde gepflegt.Das junge Nieder'sche Haus in Lungern stand nun leer und nachdem sich Niemand fand,der das Anwesen kaufen oder in Pacht nehmen wollte, so sah sich Seppli wohl genöthigtmit Frau und Kind dorthin zu ziehen.

Diese Uebersiedlung geschah ganz ruhig, aber nicht ohne traurige Vorahnungen.'Im Augenblick, wo Seppli in sein HauS eintrat, stand Leo auf der Thürschwell« seinesEigenthums mit boshaftem Lächeln; als er aber Mariele gewahrte, die er wohl jahre-lang nicht wieder gesehen hatte, da wendete er sich rasch um und Gott mag wissen vonwelchen Empfindungen seine Seele bewegt war. In der ersten Zeit schien mit diesemEinzüge Seppli's auch eine günstige Veränderung im alten Hause eingetreten zu sein,denn alles Streiten, alles Geschrei und alle Prügeleien hatten aufgehört; dies war abernur scheinbar, sein roher, zänkischer Geist hatte jetzt nur eine andere Ableitung, ein anderesZiel gesunden, für das er nun alle seine Kräfte vereinen zu wollen schien; der alte Haßgegen seinen Bruder» dessen eheliches Glück ihm ein Dorn im Auge war, ist wieder aus'sNeue erwacht, ja mächtiger als je zuvor»

Die erste Gelegenheit seine bösen Absichten kund zu geben, bot sich schon im Sommer,als der Brunnen in Seppli's Anwesen versiegte und dieser sich genöthigt sah, seinenBruder zu bitten, ihm die Mitbenützung des alten Brunnens gestatten zu wollen. Leoschlug es ihm aber kurz und grob ab, so daß Seppli gezwungen war, das nöthige Wasserfür seinen Haushalt sich aus dem Dorfe beizuschasfen, was abgesehen vom Zeitaufwandeauch mit Kosten verbunden war. so daß er um solchen Unannehmlichkeiten in Zukunftzu entgehen, kostspielige Arbeiten vornehmen lassen mußte, um den Brunnen tiefer zugraben. Was ihn aber am meisten betrübte war, daß er den alten Unfrieden wiederausbrechen sah, den er mit der Zeit erloschen glaubte und mit Bedauern mußte er denVorsatz fassen, künftighin keine Gefälligkeit seines Bruders mehr in Anspruch nehmenzu wollen.

Aber bald sollte es zu neuen Zwistigkeiten kommen. Die Eltern hatten seinerZeit die Theilung der Güter mit Hilfe einiger Freunde vorgenommen und Leo war auchbis jetzt mit seinem Antheile völlig zufrieden; plötzlich aber erhob er Streit hiewegen,indem er vorgab übervortheili worden zu sein; dann griff er auch das Ziehen der Loosean, und so entstand denn ein ebenso langwieriger als kostspieliger Prozeß, der nach einerMenge von Zwischenfällen schließlich damit endete, daß die Fertigung eines neuen