Ausgabe 
(11.8.1883) 64
 
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Theilungsplanes und nochmalige Verloosung verfügt wurde. Leo's Absicht ist aberdoch nicht ganz erreicht worden, denn das Schicksal warf ihm noch einmal das alte Hauszu und bei der neuen Theilung der Güter geschah nur eine geringe Veränderung.

So erwuchsen denn immer neue Händel, die, ganz nach Willen Leo's, das glücklicheLeben Seppli's völlig untergruben.

Müde dieser steten Plackereien entschlossen sich gptlich Seppli und seine Frau, derenVater auch mittlerweile gestorben war, ihr Anwesen zu verkaufen und nach Sarnen in'sGerner'sche Haus überzusiedeln. Kein Käufer kam jedoch nach Lungern, um das schöneAnwesen zu kaufen und so wollten sie es denn versteigern lassen.

Sie erhielten hiezu auch die amtliche Genehmigung, Alles wurde geregelt und dieVersteigerung endlich angekündigt. Aber am Abend vorher, wo dies geschehen sollte,Seppli und seine Familie waren bereits ausgezogen und das Haus stand leer, wurdeFeuer gelegt und andern Morgens war nur mehr ein rauchender^Trümmcrhaufe» vor»Handen.

Ein Schrei der Entrüstung wiederhallte in der ganzen Gegend. Es herrschte unterder Bevölkerung über die Ursache des Brandes kein Zweifel, die allgemeine Meinungnannte unverholen Leo als Brandstifter. Ob mit Recht oder Unrecht? Niemandvermochte es zu beweisen und selbst wenn Beweise vorgelegen hätten, so würde Seppliniemals als Kläger gegen seinen Bruder aufgetreten sein und damit die traurigenFamilienvsrhältnisse noch mehr aufgedeckt haben.

So stand die Angelegenheit; acht Tags später wurden die Gründe Seppli's ver-steigert. Aber Niemand wollte sich in eine so gefahrvolle Nachbarschaft begeben, und sobegegnete Leo keinem Bewerber und erhielt gegen ein geringes Angebot die schönenGründe zugeschlagen.

Da es zu jener Zeit in Unterwalden noch nicht üblich war, seine Häuser gegenBrandschaden zu versichern, so läßt sich leicht ermessen, welch' großer Schaden dein armenSeppli durch dieses Unglück und den geringen Erlös für seine Gründe erwachsen ist.

Aber die beiden Gatten ertrugen dieses Mißgeschick ohne Murren. Sie hatten wenigstensden Trost, nicht mehr in nächster Nähe jenes Menschen zu sein, der ihr Glück und ihrenFrieden auf eine so erbarmungslose Weise gestört hatte. Im klebrigen waren sie trotz-dem doch nicht arm, denn Mariele's Vater katte ihnen eine ansehnliche Erbschaft hinter-lassen.

Wenn uns das Opfer, das wir bringen mußten, auch hoch zu stehen kam, sohaben wir jetzt doch Nutze!" sagte eines Tages die gute Marie zu ihrem Mann, umihn zu trösten.Durch Arbeit und Sparsamkeit werden wir, so Gott will, dies wiedergewinnen, so daß mindestens unsere Kinder nicht mehr darunter leiden werden, und wir ?können auch mit gutem Gewissen dabei sagen, daß wir an dem uns widerfahrenen Un-glück keine Schuld tragen." Seppli schien diesen Trost anzunehmen, ja er überredete ?

sich selbst, daß man sich einer vollendeten Thatsache fügen müsse; aber trotz alledemnagte der Kummer innerlich fort, und wenn er diese traurigen Erinnerrngen auch wäh-rend des Tages durch seine rastlose Thätigkeit verscheuchte, so traten sie um so heftigerdes Nachts hervor und quälten ihn selbst in den Träumen. Ueberdies fand Leo, trotzder Entfernung, die ihn von seinem Bruder trennte, doch immer Gelegenheit ihm Sorgeund Gram zu bereiten; so war allseitig bekannt, daß er hinreichende Mittel besessen !

hätte, die ersteigerten Gründe von Seppli's Anwesen gleich zu bezahlen, aber er bedungsich Fristenzahlungen, wohl nur in der Absicht dadurch Anlaß zu bekommen, seinen Bruderpeinigen oder ihm schaden zu können.

Da der alte Gern« keine Oekonomie betrieb, so bestund sein Anwesen nur ausdem Wohnhaus« und dem anliegenden Garten; Seppli mußte daher Grundstücke dazuerwerben und bezeichnete zu deren Bezahlung dieselben Termine, die Leo ihm bestimmte,so daß er mit diesem Gelde seinen Verbindlichkeiten nachgekommen wäre. Als jedochdie erste Rate von Leo's Schuld zahlbar war, honorirte er dieselbe nicht, sondern wußte /