Ausgabe 
(22.8.1883) 67
 
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gehört zur Zeit der Reformation und von da an, diese Perle kirchlicher Baukunst unversehrt zu er-halten!

Die prältige, im reinsten romanischen Styl gebaute Kirche, deren großartiges oben freilichoffenes Mittelschiff mit seinen Stinten und Rundbogen uns Rückschlüsse auf ihren Glanz und ihreGröße gestatten, stammt anL dem Ende des elste» Jahrhunderts oder vielleicht aus dein Jahre 1106:in diesem Jahre scheint Pauline, die Stiften» des Klosters, eine Tochter des Grase» Morichv, der beidem Kaiser Heinrich i V. ei» Hosamt begleitete, und Gemahlin eines Grafen Udalrich, vom PapstePaschntis U. in Rom selbst die Bestätigung für ihr Kloster i erlangt zu haben. Sie nnd ihr SohnWerner, Letzterer nach einem beweglen Kriegerlebeu, haben sich in diese köstlicbe, dazumal freilich un-gastliche Waldeinsamkeit zurückgezogen; um Beide schaarten sich gottergebene Männer und Franen, diewir Jene der Welt entsagten und ein Mönchs- und Nonnenkloster bildeten, das der Regel des heiligenBenedikt sich anschloß. Den ersten Abt aber erbat sich Pauline aus der Benediktinsrabtsi Hirschanin Schwaben ; die Reise, welche sie dahin unternahm, brachte ihr unerwarteter Weise den Tod; siesiel vom Pjerde, brach den Arm und starb an den Folgen der Verletzung im Kloster Schwarzbach beiWürzburg am 14. März 1107. Ueber ihre Lebensfchicksale ist kaum etwas bekannt; sie machte mitihrem Gemahl eine Wallfahrt nach Compostell-', hatte fünf Kinder, darunter drei Töchter, von denende siingste, gleichwie die Mutter und der älteste Bruder, sich nach dem Tode ihres Gatten dem geist-lichen Stande widmete. Tast die später heilig gesprochene Pauline hier begraben wurde, ist bezeugt;von ihrem Sohne ist es anzunehmen; aber keiner der wenigen Grabsteine, deren Bildwerke nnd Schrist-züge fast unkenntlich geworden sind, gehört der frommen Frau an.

Leider muß unscre Bewunderung und Wißbegierde sich damit begnügen, in den todten und dochso beredten Steinen zu lesen. Bergeblich wünschten wir, von dem genialen Baumeister dieses kühnenBaues, besonders auch des erhaltenen einen Nebenportals, das uns mit seinen Fensteröffnungen dar-über anschaut, wie Thcodorich's Kaiserpalast i» Navenna, zu hören, wenn wir über den weichen Rasen-teppich schreiten, der jetzt die ehemaligen Fliesen ersetzt oder bedeckt wir erkennen nur, daß er seinVorbild jenseits der Alpen gesucht, auch das arabische Wnrseloruamcnt in dem christlichen Gotteshausenicht verschmäht hat, aber alles sichere Wissen fehlt uns; die Phantasie darf hier ungestraft ihre lus-tigen Schwingen entfallen. Trotzdem hier die durch ihre wissenschaftliche Arbeit anderswo weltberühmtenVeiiediltincrmönche gewaltet haben, ist keine Spur ihrer Thätigkeit geblieben. Die erhaltenen Ur-kunden des Klosters überliefern uns nur öde Enzelheiten, Namen von Aebten, Bezeichnungen vonBeamten, Schenkungen und Vertrüge. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, da die Steine mehr ver-rathen aber dann wird auch die jetzige Lrnmmerherrlichkeit in Schutt und Staub gesunken sein:wenn der alte Grundstein einst ausgedeckt wird, mögen unsere Enkel aus den darunter geborgenenDocumentcn vielleicht noch Einiges erfahren, was uns unbekannt bleibt. -Zum Glück ist die Zeit nochfern; heutzutage ist die schwarzbnrg-rudolftädtische Regierung bemüht, diesen Schmuck ihren! Landezu erhalten, der den Stürmen des Bauernkriege?-, dem Blitze nnd der Vernachlässigung getrotzt hat.

Mögen wir in Thüringen die Spuren unserer großen Dichter suchen oder den Dust roman-tischer Erinnerungen athmen wollen, Paulinzelle bietet uns Beides. Hier hat Goethe in stillerZurückgszogenheit 1817 seinen Geburtstag begangen, um den ihm gerühmtengroßartigen Anblick"zu genieße», er. bewundert die uralten Kolossal-Ziegel nnd klagt, daßdie Reformation das Banwerkm die.Wüste versetzt habe, worin es entstanden." Neummdzwanzig Jahre früher, 1738, hatte auchSchiller von dem mir jüns Stunden entfernten Rndvtstadt aus Paulinzelle besucht und seinen Namenin das lecder verloren gegangene alte Fremdenbuch eingetragen. Aber anregender noch als diese Er-innerungen wird jeden Freund der Natur nnd Kunst ein Mondjcheinabend in der Ruine stimmen;ein solcher läßt uns nur den Dichter vermissen, der, weniger kühl als Goethe, das alte Kloster und' seine Kirche in diesem liefen Waldfricden zum Mittelpunkt seiner Dichtung macht. (Tägl. Rundschau.1

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Mise-rren.

(Poetische Gerichtsscene.) Angeklagter kommt in den Gerichtssaal und spricht:»In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht." Präsident:SchweigenSiel" Angeklagter:Heiß mich nicht reden, heiß' mich schweigen, denn mein Geheimnißist mir Pflicht." Präsident:Ihr Name?" Angeklagter:Name ist Schall undRauch, ich heiße Johannes Rauch." Präsident:Wie alt?" Angeklagter:Ichbin so alt, um nie zu scherzen; zu jung, um ohne Wunsch zu sein, 38 Jahre."Präsident: »Ihr Beruf?" Angeklagter:Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt,bin Schriftsteller." Präsident: »Sie sind beschuldigt, iu der Nacht voin 14. auf 15,groben Unfug verübt zu haben." Angeklagter:Nacht muß es sein, wo FriedlandsStttne leuchten." Präsident:Bekennen Sie sich schuldig?" Angeklagter:!Sonderbarer Schwärmer!" Präsident zum Gendarm: »Da der Angeklagte die

! Achtung vor dem Gerichtshof verletzt hat, so führen Sie ihn in die Haft!" Angeklagter:

In diesen Mauern, in diesen Hallen, will es mir keineswegs gefallen."