Ausgabe 
(22.8.1883) 67
 
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Die Zimmer des Königs befinden sich im sechsten, Stockwerk«, sie bestehen in einem* Arbeitszimmer, einer Bibliothek, einem Schlafzimmer und einem Empfangszimmer fürdie Minister. Das königliche Arbeitszimmer ist mit den Marmorbüstcn der Eltern desKönigs, Richard Wagner's , des Generals v. der Tann, des Herr» v. Lutz und AugustHeigl's, des königlichen Privatsekrctärs geschmückt, wie auch mit einem Gemälde, daseinen Auftritt aus Wagner'sRheingold " darstellt. In diesem Zimmer erhielt derKönig die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Freundes Wagner . Das vierteund fünfte Stockwerk enthält die großen Säle, die zur Aufstellung der ausgedehntenBüchersammlung und der Waffen- und Münzensammlung bestimmt sind. Das Erdgeschoßschließt eine großartige Treppe mit goldenen Verzierungen ein. Das ganze Schloß wirdmit elektrischen Lampen, Jabkochkoffkerzen auf den Höfen und Siemens- und Edison-lampen im Innern erleuchtet. Selbst die königlichen Stallungen sind mit Freskogemäldenverziert, welche vorgeschichtliche Szenen dastellen. Ein breiter, ausgemauerter Fahrwegführt als einziger Zugang zu der Schloßterrasse, die an einer Seite mit einer gewaltigen,vielleicht 20 Meter hohen Böfchungsmauer gestützt ist. Seitwärts hinter dem Schlüsse,von dein aus man eine wundervolle Aussicht auf das Hochland, den Schwansee und denmit Schwänen besetzten einsamen Alpsee genießt, liegt eine tiefe Schlucht mit dem herr-lichen Pöllatfall; darüber führt in schwindelnder Höhe die zierliche, eiserne Maricnbrückeund einen zauberhaften Anblick mag es wohl gewähre», wenn Wasserfall und Schluchtvon elektischem Lichte widerstrahlen.

Pauliuzelle.

Alljährlich ergießt sich der Strom der Reisende» über die Wälder und Berge des lieblichenThüringens, das den Wanderer ebenso sehr durch seine landschaftlichen Schönheiten, wie durch Er-innerungen aus der Sage und Geschick» lockt und fesselt.

Jiiinier bequemer wird es dem durch geistige Arbeit und Slubcnlust ermatteten Städter mitHilfe des unermüdlichin Dampfrosses gemacht, die tchönstcn Punkte der gesegneten Landschaft mit ihrererquickenden Waldlnst zu erreichen und fast ohne Mühe, wenn auch im Flug?, die herrlichsten Punktezu besuchen.

Aber so schätzensmcrth auch gute Straßen und schnelle Dampfwagen dem eiligen Reisendensein mögen, so entziehen sie ihm doch leicht Genüsse, welche seitwärts von der großen Heerstraße auf-gesucht werden müssen, die aber eine kleine Anstrengung reich belohnen.

Zu diesen vergessenen, wenn auch nicht verkannten Schönbeiten des Landes gehört das an-»nithig gelegene, von jchwarzbewaldcten Bergen eingerahmte Dorschen Pantinzelle mit seiner altehr-würdigen Klosterkirchenrüine.

Wer früher zu Fuß oder zu Wage» Thüringen durchstreifte, wird schwerlich das reizendeSchwarzburg oder das lieblich« Ilmenau besucht haben, ohne Pauliuzelle zu berühren. Heut zu Tageist das meist anders, wenigstens für die Reisenden, die zu Wagen den Weg machen. Die Fahrt vonIlmenau nach Schwarzburg ist durch die Bahnstrecke von Ilmenau nach Gehren und durch eine vomletzteren Orte ausgehende von einem Omnibus befahrene Chaussee so erleichtert und verkürzt worden,das; Jedem, der PanlinzcUe nicht kennt und der Schönsürberei seines Reisehandbuches mißtraut, dieVersuchung nahe tritt, die alte Klostcrruine, die unserer modernen Zivilisation so fern liegt, nnbeftichtzu lasten. Ja, noch mehr! Die Kutscher, entweder aus Rücksicht für ihre Pferde oder aus anderenGründe», bestimmen ihre Fahrgäste nach Kräften, den Weg über Pauliuzelle zu meiden und denkürzeste» Weg zwischen Ilmenau und Schwarzbnrg cinzuschtagen. So wunderbar es auch klingenmag die edlen Rosselenker tragen in vielen Fällen den Sieg über die Absichten der Reisenden davon.Wer einige Mal bemerkt hat, in eine wie thörichte Abhängigkeit von Wirthen, Kellner», Kutschern,Führern sich ein großer Theil des reisenden Publikums begibt, wie gedankenlos es nach ihren nichtimmer uneigennützigen Rathschlägen seine Neisepläne ordnet und ändert, den wird es nicht wundern,zu hören, daß alle diese Faktore dazu beigetragen haben, das reizende, romantische Pauliuzelle seinessrühere» reichen Besuches zu berauben.

Und doch strahlt diese entthronte Königin der Klosterruinen noch in demselben Glänze, wie infrüheren Jahren! Noch heute verdient sie die Huldigung aller Derjenigen, in denen das Gefühl fürdie stumme Schönheitsteinerner Gedichte" nicht erloschen ist. In diesen Hallen, die trotz ihrer Zer-störung das Herz erheben und erbauen, empfinde» wir schmerzlich, daß der Protestantismus auch mancheschöne Stätte des Gottesdienstes vernichtet und verloren hat. Da, wo Jahrhunderte lang sich frommeBeter wohl kaum mehr, als jetzt das kleine Tors Einwohner zählt, in einer Kirche versammelte», dieeine Zierde jeder Stadt wäre, sehlt heuzutage ein Kirchlein, und eine Stunde weit müssen die An-dächtigen zmn nächsten Kirchdorfe wandern I .Und doch, wie wenig Mühe und Auswand hätte dazu