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Welch' ei» weites Meer von Halme»!" sagte Edith staunend. »Hier so reicherUeberfluß und dort unten so bittergefühlte Armuth!"
Und sie deutete mit der Hand nach der zum Flusse absteigenden Thalsenkung, woaus der feuchten Niederung ein Komplex elender, mit armseligen Strohdächern gedeckterHütte» heraufblickte.
„Haben Sir nie darüber nachgedacht, Vetter!", fuhr sie mit einem fragenden Aus-blick zu diesem fort, „wie nahe die Kontraste hier liegen? Hat es Sie nie gedrängt vonIhrem Ueberflusse etwas an senrn traurigen Mangel abzutreten?"
Der Freiherr runzelte die Stirn. „Sie verschwenden Ihr Mitleid an ein Volk,das es nicht verdient. Dieses Gesinde!, das nicht einmal meine Forsten respectirt, hatjedenfalls seine Nothlage selbst verschuldet."
„Aber, wenn Sie die Bittstellerin machen", fuhr er mit einem warmen Blicke fort,„so will ich ja gern meinet! Jnspector anweisen, mit einer ansehnlichen Summe jenenLeuten unter die Arme zu greifen."
Edith schüttelte den Kopf. „Damit ist es nicht gethan", «ntgegnete sie rasch. „Siemüssen andere Mitte! ergreifen, um die Existenz diesen Leute besser zu gestalten. KönnenSie nicht diese schlechten Wohnungen verbester»? Können Sie nicht Jedem ein kleinesStück guten Feldes zur eigenen Bebauung anweisen? O, glauben Sie, dieses würdegute Früchte bringen, es würde zugleich von sittlicher Förderung auf die Armen sein, wenndieselben Ihre liebevolle Fürsorge erkennen würden."
„Ergreifen Sie diese Ausgabe!" fuhr sie dringend fort, dem Baron ihr schönesGesicht voll zuwendend, „Wohlthäter der Menschheit zu sein, ist ja die schönste, diesegensreichste Aufgabe."
Mit ungewöhnlicher Wärme und Begeisterung hatte sie die letzten Wort« gesprochen,daß es den Freiherrn wie ein heimlicher Wonneschauer überkam.
„Edith", sagte er plötzlich, indem er sein Pferd dicht an ihre Seite treten ließund seinen Blick tief und voll in ihr leuchtendes Auge senkte; „Edith, es scheint derBeruf Ihres edlen Herzens zu fein, überall Noth zu lindern und Menschen glücklich zumachen« o, so wenden Sie Ihr Mitleid auch mir zu, geben Sie mir das Glück, undgeben Sie Werth und Inhalt einem Leben, das ohne Ihren Besitz unnütz und ver-loren ist."
Erregt und leidenschaftlich klangen feine Worte durch die schwüle Stille des Spät-nachmittags, und mit fieberhaft gespannter Erwartung beugte er sich vor, ihre Antwortzu vernehmen.
Eine dunkle Blutwelle war in ihr Antlitz gestiegen und hatte es mit glühendemScheine überfiammt.
„Halten Sie ein, Vetter", sagte sie mit bebender Stimme, die sie vergebens zuruhiger Festigkeit zu zwingen versuchte. „Sie sind von einer großen Selbsttäuschungbefangen und halten für wahr, was die Aufwallung des Augenblickes Ihnen nur vor-spiegelt. Weder für Sie noch für mich könnte ein Glück daraus werden, wenn wir unserLeben aneinander ketteten. Zu weit geht unsere beiderseitige Lebensanschauung ausein-ander; und so wenig, wie Sie den mit Ihnen verwachsenen Gewohnheiten zu entsagenwüßten, so unmöglich wäre es mir, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Nie könnenwir uns zu einem Bunde vereinigen, der die vollkommenste Uebereinstimmung verlangt."
„Edith", bat er mit tiefflehendem Tone, „stoßen Sie mich nicht zurück in die un«befriedigende Leere meines Lebens! Warum sollte mir die Liebe zu Ihnen nicht auchdie Kraft geben, mich zu Ihrer idealen Weltanschauung zu erschwingen?"
„Nein", entgcgnrte sie mit einem leisen Tone von Traurigkeit, „wenn nicht aushöheren Rücksichten Ihre Kraft geweckt wird, wenn Sie nicht durch ernste PflichterfüllungIhrem Leben Werth und Inhalt zu geben vermögen, so würden Sie durch mich ver-gebens diese zu gewinnen suchen, und nie würden sich unsere Seelen finden in einergemeinsamen Aufgabe.^