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schafften und wirkten, und verwahrlost waren die Kinder und ohne Obhut, da der Dienstden Later tagsüber im Wald festhielt.
Wenn Edith nun zu früher Morgenstunde durch die thaufrische Waldesprachtwandelte, um in der kleinen Dorfkirche die heilige Messe zu hören, die sie ja nie ver-säumte, so unterließ sie es auch nie in die niedere, verwitterte Hütte am Waldessaum«einzukehren, wo jeder ihrer Besuche still gesegnet wurde.
Sie schreckte nicht zurück vor dem Anblicke des nackten Elendes, den so viele zartbesaitete Damen nicht ertragen können, und nicht hielt sie ihre feinen, weißen Hände fürzu gut, den armen Kranken die niedrigsten Hülfeleistungen zu verrichten. Sie dachte janie an das eigene Ich, wenn es galt, für Andere zu sorgen, die ihrer Hülfe bedurften.Und die reinen Freuden, die ein schuldloses Herz am Wohlthun empfindet, gaben ihreinen inneren Frieden, der ihr ganzes Sein so wundersam durchleuchtete, und gleichkameinen stillen Glanz von ihr ausstrahlte, dessen Widerschein in das von Stürmen durch-wühlte Herz des Freiherrn wie eine linde Erquickung fiel, daß ihm in ihrer Nähe einGefühl überkam, das er nie gekannt hatte.
Nur eine Frage, die er sich immer und immer wieder vorlegte, ob auch er wohlwärniere Empfindungen, wie bloße verwandtschaftliche Gefühle in Edith's Seele geweckthabe, konnte er sich nicht beantworten; stets behandelte sie ihn mit der gleichen ruhigenFreundlichkeit und edlen Milde, der auch der leiseste Schein von Koketterie fremd war.
Und sie waren viel zusammen die beiden jungen Leute. Oft musicirten sie zu-sammen, und der Freiherr, der eine bedeutende musikalische Begabung besaß, begleiteteEdith auf dem Clavier, wenn sie mit ihrer glockenreinen Stimme, die von einer seltenenKlangschönheit war, mit seelenvollem Ausdrucke ein englisches Lied sang. Oder sie unter-nahmen auf des Freiherrn prächtigen Nacepferden einen Ritt, wobei sich Edith als eineso tüchtige Reiterin zeigte, daß der ehemalige Reiteroffizier die Segel vor ihr strich.
Der General, der von heftigen Gichtanfällen geplagt wurde, mußte zu seinem Be-dauern fast meistens das Haus hüten.
So stand er denn auch jetzt wieder am Fenster und sah den Beide» nach, wie siegaloppircnd durch das Schloßthor sprengten, und mit sichtbarem Wohlgefallen folgte seinBlick dem schönen Paare.
Wie weckte dieser Anblick das Gedächtniß an seine eigene Jugendzeit, wo er unddes Freiherrn Vater, zwei fröhliche Genossen, voll überschäumender Jugendlust dahingesprengt, und die Bilder der Vergangenheit stiegen herauf, golden verklärt vom Strahleder Erinnerung.
„Ja, Rudolf ist das treue Abbild seines Vaters", sagte er leise zu sich. „Meineich doch, ich sähe den Alten, der geradeso stolz, ein Bild des schönsten Ebenmaßes, zuRosse saß. Aber mein alter Freund war thatkräftiger und entschiedener, und Rudolfkommt mir oft für einen jungen Mann in des Lebens Blüthetagen merkwürdig schlaffvor. —
„Was will das heißen", fuhr er kopfschüttelnd fort, indem er finster die buschigenBrauen zusammenzog, „Alles in die Hände des Jnspectors zu legen und um die ratio-nelle Wirthschaft sich gar nicht zu kümmern! Einen sicheren Ueberblick muß man dochstets über sein eigenes Terrain haben, aber für Rudolf scheint mir das Gebiet der Land-nnrthschaft torra inovInitu zu sein."
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Die beiden jungen Leute jagten in scharfem Trabe dahin durch Felder und Fluren.
Edith sah frischer und reizender wie je aus. Das dunkle, knappsitzende Neitcostümhob vortheilhaft ihre Schönheit; ihre sonst etwas bleichen Wangen leuchteten in lebhaftemJncarnat, und ihre Augen strahlten voll Jugendlust.
Der Freiherr zeigte mit der Reitgerte über die wogenden Kornfelder, die sich ringsin gesegneter Fülle dehnten; Alles, soweit man überschauen konnte, bis an den blauenSaum der Waldungen, gehörte zu seinem Besitz.