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Wie leicht war es ihm stets gewesen ein Frauenherz zu gewinnen! Wie verheißungs-voll hatten ihm, der nicht nur für den begütertsten Edelmann des Landes, sondern auchfür den schönsten Mann am Hofe galt, alle Blicke entgegsngestrahlt! Und hier diesenklaren, ruhigen Augen, die es ihm so wunderbar und eigen angethan, stand er machtlosgegenüber, und alle seine Künste versagten.
„Sie ist freilich aus anderm Stoffe, wie die Anderen", sagte er sich seufzend, „abersie ist kühl bis in's Herz hinein!"
Und was war das für eine Idee, daß er hier sein Leben in tiefster Abgeschlossen-heit zubringen sollte!
Ja, wenn sie einwilligen wollte, ihm ganz zu gehören, dann hätten sie im Anfangehier leben wollen, nur sich und ihrem Glücke. Aber nur im Anfange, für immer gingdas ja nicht, denn er müßte seine Gattin dann doch der Welt vorführen, und sie solltesie bewundern und ihn beneiden. Doch wenn sie einwilligte; ja wenn!
Dies waren die Gedanken, die den Freiherrn beschäftigten, und doch nahm Edithtieferen Antheil an ihm, als wie er ahnte.
Ihr scharfer und sicherer Blick hatte ja die edlen Grundeigenschaften und Anlagenerkannt, die in seine Seele gepflanzt waren, aber es blieb ihr auch nicht verborgen, daßdiese, wie Ranken, denen der Sturm die haltende Stütze entrissen, verkümmert und ver-wahrlost darnieder lagen.
Und ernst dachte sie darüber nach, was geschehen müsse, um die schlummerndenKräfte in seiner Seele zu wecken und dieser einen neuen, kräftigen Aufschwung zu geben,der ihn erhebe aus den sumpfigen Niederungen seines Daseins zur freien Höhe einesernsten, sittlichen Bewußtseins.
Doch so sehr sie sich auch mit diesem Problem das Köpfchen zerbrach, so mußte siedoch nicht, wie sie die Lösung davon finden konnte.
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Edith von Horsten war ein seltener Charakter. Sie war das einzige Kind ihrerEltern gewesen, aber frühe schon hatte sie die Mutter verloren, und der General, dessenganzes Herz an seiner Tochter hing, hatte ihr eine fast männliche Erziehung gegeben.
Obgleich nun aber die Festigkeit des Wollens und besonnene Bestimmtheit desHandelnS, die sie dadurch erlangt, das Gepräge eines männlichen Charakters trugen, sohatte sie doch trotzdem Nichts eingebüßt von dem süßen und zarten Duft edler Weib-lichkeit.
Sie war emporgediehen in der Atmosphäre des Glaubens und der Religiosität» undin dieser Atmosphäre mußten ja alle edlen Anlagen zur schönsten und harmonischen Ent-faltung gelangen. Edith's Mutter, die Tochter eines zur Mutterkirche zurückgekehrtenLord's, war von einer glühenden Begeisterung für die heilige Religion erfüllt gewesen.
Diese Begeisterung und dazu einen großartigen Wohlthätigkeitssinn» dessen unab-lässiges Streben es war, Noth zu lindern, hatte Edith nebst anderen schönen Tugendenvon ihrer Mutter ererbt. Und wie es ihr ein unabweisbares Bedürfniß war, diesemedlen Zuge ihres Herzens stets zu folgen, so hatte sie auch hier bald mit dem ihr eigenenscharfen Blick die traurigen materiellen Verhältnisse der Landbevölkerung erkannt undwar mit Freuden bereit, so weit sie konnte, helfend einzugreifen. Sie berieth sich mitdem alten, würdigen Seelsorger der Gemeinde, und dieser hatte ihr hocherfreut als dieWürdigsten der ihrer Unterstützung Bedürftigen, eine arme Forstlauferfamilie mit warmenWorten empfohlen.
Es waren die fleißigsten und frömmsten Leute in der Gemeinde, die ihre zahl-reichen Kinder in strenger Gottesfurcht erzogen, aber Krankheit war eingezogen in diesonst glückliche Hütte und hatte die brave Frau des Forstlaufers an's Schmerzenslagergefesselt und Kosten verursacht, welche zu bestreiten, das geringe Einkommen nicht aus-reichte.
DaS Hauswesen lag darnieder, seitdem die fleißigen Hände der Hausfrau nicht mehr