Ausgabe 
(29.8.1883) 69
 
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Nr. 69.

1883.

M

Äiigsittirger postzeituirg."

Mittwoch, 29. August

Der Schloßherr von Dnineck.

Novelle von Joseph Grinean.

(Fortsetzung.)

Edith sah ihren Vetter verwundert an, und leicht kräuselten sich ihre rothen, fein*geschnittenen Lippen:Langeweile, das ist ein Wort, welches sich nur im Lexicon schlaffe*und kraftloser Naturen findet. Würde sich nicht genügende Beschäftigung hier bieten,um alle Langeweile zu verscheuchen?"

BeschäftigungI" Ter Freiherr schüttelte sich mit einer komischen Bewegung, undübermüthig erklang sein frisches Lacken.Beschäftigung! Ich glaube, Cousinchen, Siemöchten mir die Rolle eines stillzusriedenen Krautjunkers vindiciren, der in erbaulicherWeltabaesäpedenheit mit Hacke und Spaten in der Hand seine Scholle bebaut."

Es ist nicht nöthig Hacke und Spaten in die Hand zu nehmen", entgegnete Edithruhig;es kommt nur darauf an, daß man seinen Platz richtig ausfüllt und in ernstemstreben und nutzbringendem Wirken seine Aufgabe vollbringt."

Nun, meinen Platz fülle ich ja aus", entgegnete er mit einem Anfluge von Selbst»bewußtsein.Ich weiß, was ich als der einzige Repräsentant eines alten Stammes diesemschulde, und treu meinem Wahlspruche: vkUgsl" bin ich stets bestrebt, ge-

wissenhaft meine Pflichten gegen die Gesellschaft zu erfüllen."

Diesmal war es Edith, die über die Begriffsverwirrung ihres Vetters lachte, derin leerem, äußerem Tand seine Pflichten erkannte. Kopfschüttelnd erwiderte sie:Unterder Gesellschaft verstehe ich nicht nur einen exclusiven Kreis hochgeborener Menschen-kinder; nein, ich glaube die Gesellschaft, die unserer Hülfe am meisten bedarf, auf derenWohl segensreich einzuwirken in unserer Macht liegt, das ist die Gesellschaft, gegen diewir Pflichten haben, und die zu vernachlässigen ein schweres Unrecht, eine Sünde ist."

Baron Haineck biß sich aus die von einem hübschen, dunklen Bärtchen beschatteteOberlippe und wie verhalltener Aerger klang es durch seine Antwort, die er in etwasironischem Tone gab:Sie haben wunderbar ideale Ansichten vom Leben, Cousine. Schadenur, daß ich mich für diese Menschheit beglückungsvolle Ansicht absolut nicht eigene, undes auch durchaus nicht meinem Geschmack zusagt, mit meinen Bauern zu verkehren."

Edith war aufgestanden, um in's Schloß zurückzukehren und ihrem Vater nach ge-wohnter Weise den Morgengruß zu bieten.

Stumm und schweigend schritt der Freiherr neben ihr her.

Er war unzufrieden mit sich, daß es ihm nie gelingen wollte, bei Edith mit demBrillantfeuerwerk seines glänzenden Esprit Effekt zu machen, daß jede Unterhaltung mitihr, vertieft durch ihre ernste Lebensauffassung «ine so eigene Richtung erhielt und ein«so neue Wendung nahm.

Was war es doch, daß diese Cousine mit ihrer einfachen und schlichten Weise ihm,dem weltgewandten Manne den Boden des sicheren Selbstgefühles, auf dem er stets sofest gestanden, plötzlich wankend machte?