558
brauchte ich über zwei Stunden. Die Aussicht von der Schloßterrasse und von den zweigut erhaltenen Thürmen ist unbeschreiblich schön. Am Ausgang eines ganz mit Obst-bäumen und Nebenterrassen bedeckten Thales mischt die Tauber ihre sanft dahingleitendenFluthen mit denen des Mains. Dieser bildet hier eine breite Bucht, die wie ein kräu-selnder See die Gestade umspült. Tief unten zieht sich die Stadt mit ihren Thürmen,Kirchen und Häusern dicht an ihrem Ufer hin. In der Ebene breiten sich Gärten mitLusthäuschen, grüne Wiesen und wogende Kornfelder aus. Im Nordwesten erheben sichhohe Berge, die Gipfel bewaldet, die Hänge mit Traubenterrassen bebaut. Auf einemdieser Berge schaut aus den Bäumen ein Wartthurm heraus, der früher mit Wächternbesetzt war, welche das Bergschloß durch Zeichen vom Nahen eines Feindes in Kenntnißzu setzen hatten. Im Osten steigt die vom Main umgürtete düstere Wettsrburg empor.Gegenüber am rechten Mainuser erblicken wir Kreuzwertheim mit dem von Parkanlagenumgebenen fürstlichen Schlosse. Auch dort haben Bacchus und Ceres ihre Gaben ver-schwenderisch ausgeschüttet. Im Hintergründe taucht der dunkelbelaubte Spefsart aufund tritt da und dort bis nahe an die üppigen Fluren und Weinberge heran.
Wertheim zählt 3500 Einwohner, unter diesen 2380 Protestanten. In dem rechtsvon der Tauber liegenden Theile sieht man viel« alte Häuser mit hohen Giebeldächern.Hier steht auch ein fürstliches Schloß, welches jetzt den Beamten des Fürsten zur Be-wohnung überlassen ist. Die im Jahre 1384 im gothischen Style erbaute Stadtkirche,jetzt protestantische Pfarrkirche, enthält viele Grabdenkmäler der Grafen von Wertheim;von diesen haben zwei großen Kunstwerth. Das eine stellt in rothem Sandstein denGrafen Johann I. (ch 1407) mit seinen beiden Frauen in Lebensgröße dar. Der Graf,eine reckenhafte Nittergestalt, im Kostüm des XV. Jahrhunderts mit Kettenpanzer, stehtin der Mitte der zwei Frauen. Die Frauen sind von großer Schönheit und Anmuthund sehen einander ganz ähnlich; die eine schlägt sinnend die Augen nieder, die andereschaut zu dem Grafen empor, als ob sie sich an dem männlich schönen Antlitz ihresGatten erfreue. Aus der ganzen Gruppe weht uns ein poetischer Hauch an, wir habenes wahrscheinlich nur mit Jdealgebilden zu thun. Die Sage, der Graf habe nach demTode seiner ersten vielgeliebten Gattin in Begleitung eines Knappen viele Länder durch-wandert, bis er endlich eine jener ähnliche Jungfrau gefunden, schwebte wohl dem un-bekannten Künstler vor. Das zweite, großartigere Denkmal aus weichem Tuffstein, imNenaissancestyl von dem Bildhauer Johannes von Trarbach ausgeführt, stellt den GrafenMichael III. von Wertheim (ch 1556), dessen Gattin (ch 1606) und deren zweiten Gatten,den Grafen Philipp von Eberstein (ff 1589) dar. Die drei lebensgroßen Statuenstehen in drei überreich verzierten Nischen, welche durch eine auf vier Säulen ruhendeArchitektur gebildet werden. Oben schwebt Gott Vater und der auferstehende Christus,rechts der Glaube und Simson mit den Thorflügeln, links die Liebe und der von demWalisisch an's Ufer geworfene Jonas. Zu den Füßen der Gräfin spielen zwei lieblicheKinder. Die drei ausdrucksvollen Köpfe sind hier wirkliche Porträts. Die Ornamentikzeugt von großer Kunstfertigkeit. Auf beiden Monumenten sind die Rüstungen, Ge-wänder und Wappen sehr fleißig und zierlich ausgearbeitet. Nahe bei der Kirche stehteine 1425 erbaute Kapelle, ein Muster edelster Gothik, aber im Innern durch die Um-wandlung in ein Schulhaus verunstaltet. In dein Stadttheil links der Tauber sah ichviele stattliche, aus rothem Sandstein aufgeführte Gebäude, wie die katholische Kirche ,das Gymnasium, das Amtshaus, die umfangreichen Gebäude des Bahnhofs der Lohr -Wertheimer und der Wertheim-Mergentheimer Bahn. Die badische Regierung hat auchhier den geistigen Interessen der Bevölkerung große Sorgfalt zugewendet; in der kleinenStadt befinden sich ein mit guten Lehrkräften besetztes vollständiges Gymnasium, eineGewerbeschule, eine höhere Töchterschule und mehrere vortreffliche Volksschulen. Deshalbherrscht hier durchgängig ein sehr anständiger Ton. Gegen Fremde sind die Wertheimeraußerordentlich entgegenkommend und gefällig. Der Handel mit Wein, Obst, Getreideund rothen Sandsteinen ist nicht unbedeutend. Die Bevölkerung des angrenzenden Tauber -