Ausgabe 
(1.9.1883) 70
 
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Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffenbirrg.

Von 0r. Ludwig Herrmann.

II.

W e r t h e i m.

Wertheim liegt am Einfluß der Tauber in den Main um den Fuß eines steilenBerges herum, auf welchem die Thürme einer großartigen Burgruine emporragen. Hinterdiesem Berge ziehen von Osten und von Westen höhere, mit Gemälde gekrönte Berg«hin. Die Tauber theilt die Stadt in zwei durch eine Brücke verbundene Theile. Gegen-über auf dem rechten Mainufer liegt der bayerische Marktflecken Kreuzwertheim . Burgund Stadt find der Stammsitz des alten ostfränkischen Dynastengeschlechtes der Grafenvon Wertheim . Urkundlich kommt zuerst im Jahre 1182 Graf Wolfram von Wertheimvor. Mit dem Tod des Grafen Michael III. im Jahre 1556 erlosch der Mannsstamm.Nun erhielt der Graf Ludwig Stollberg-Königstein, der Schwiegervater des GrafenMichael, die Grafschaft Wertheim . Durch die Vermählung seiner Tochter mit dem GrafenLudwig von Löwenstein kam die Grafschaft in den Besitz dieses Hauses. Während des30jährigen Krieges entstand des Glaubens halber Zwist und Fehde im Hause der Grafen .Das Haus Löwenstein-Wertheim theilte sich nun in zwei Hauptlinien, die Freudenbergischeund die Nösenbergische. Die letztere wurde 1711, jene 1813 in den Fürstenstand er-hoben. Die Freudenbergische Linie ist protestantisch und hat ihren Sitz in Wertheim ,Kreuzwertheim und Tiefenstein, die Nösenbergische ist katholisch und residirt in demSchlosse zu Klein-Heubach am linken Mainufcr.

Die Wertheimer Schloßruine hat einen größeren Umfang, gewaltigere Massen undphantastischere Getrümmerhaufen als die Heidelberger Schloßruine, steht dieser aber anarchitektonischer Schönheit nach. Im Jahre 1634 wurde der ganze südliche Theil derBurg von den Kaiserlichen unter Oktavio Piccolomini in Trümmer geschossen. DieBreschen wurden nicht mehr ausgebessert, und die Grafen gaben das Bergschloß alsWohnsitz auf. Die ihrem Schicksal überlassene Burg zerfiel allmählich. Eigenthümerder Burgruine ist das fürstliche Gesammthaus Löwenstein-Wertheim . In neuerer Zeitwurde von diesem die Burgruine mit Garten-, Neben- und Gehölzanlagen umgeben, undes wurde Sorge getragen für die malerische Unterhaltung des noch stehenden Theiles.Für die Bewachung der Burg ist ein Kastellan aufgestellt, der in einem restaurirtenThurme wohnt.

Der Bau der Burg gehört verschiedenen Bauperioden an, wie aus den verschie-dene Baustyle ausweisenden Trümmern ersichtlich ist. Der älteste und noch ziemlichgut erhaltene Theil ist ein hoher viereckiger aus Wulstquadern erbauter Thurm vonkolossaler Dicke. Er gehört dem XII. Jahrhundert an. Dies ist die Urform der Berg-schlösser jener Zeit, der alten oastra: umfangreiche, massive viereckige Thürme, zur Be-wohnung und zur Vertheidigung bestimmt. Ebenso gut erhalten wie dieser ist auf derOstseite ein runder, ganz mit Epheu umsponnener Thurm; er hat den NamenZehn-ringthurm" erhalten, weil später rundum in das Mauerwerk 10 eiserne Ringe eingelassenwurden. Diese Ringe dienten wahrscheinlich dazu, Wollfäcke daranzuhängen zum Schutzegegen schwere Geschütze. Von dem der Tauber zugekehrten Schloßtheile, erbaut 1310vom Grafen Rudolf, stehen noch die freundlich mit Grün durchwirkten Außenmauernmit den leeren Fensteröffnungen. Das Portal der im zierlichen Nenaissancestyl erbautenSchloßkapelle trägt die Jahreszahl 1562, von der Kapelle selbst ist nur noch der Giebelund ein Theil des Thurmes vorhanden. An einer Terrasse sah ich ein schönes gothischesGeländer. Ueber dem Burgeingang stehen zwei im Jahre 1745 erbaute Thürme, diedurch Zwischengebäude miteinander verbunden sind. Sie enthalten die Archive der beidenfürstlichen Häuser. Fürstlicher Archivrath ist der rheinische Dichter Alexander Kaufmann ,der Gemahl der gleichfalls auf poetischem Gebiet vortheilhaft bekannten Amara GeorgeKaufmann. Zur Besichtigung der ganzen umfangreichen Schloßruine mit ihren vielenhalbeingeflürzten Thürmen, Hallen, Ställen, Kellergewölben, Bastionen und Vormerken