Ausgabe 
(1.9.1883) 70
 
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dämpfter Stimme und flehendem Tone,hören Sie noch einmal nur, was meine Seelemich Ihnen zu sagen drängt."

Sie neigte leise das Haupt.

Edith, als Sie mir neulich die Nichtigkeit meines Lebens vorwarfen, da erkannteich nicht die Wahrheit Ihrer Worte; war mein Sinn doch allzusehr betrübt und befangen;aber als dann durch meine Unvorsichtigkeit jenes große Unglück geschah, das GottesGüte mir so wunderbar zum Heile gewendet und als ich mit Augen sah, was das Lebenfür Noth und Elend birgt, da fiel es wie ein Schleier von meinen Augen, und ich kamzur Erkenntniß und wurde mir bewußt, was für ein erbärmlicher Egoist ich bisher ge-wesen, wie ich das Leben vertrödelt im Jagen nach leeren Genüssen.

Aber", fuhr er mit entschlossenem Tone fort,dahabe ich mir gelobt, ein anderesLeben aufzubauen, zu schaffen und zu wirken und den eitlen Weltsinn mit jeder Faserauszureißen. Ich will mir Ihre Achtung erringen, Edith, auf die ich jetzt freilich nochkeinen Anspruch machen kann", fügte er traurig bei,und wenn es mir gelungen ist,Ihnen die Beweise meiner geänderten Gesinnung zu geben Edith, Sie scheiden morgenvon hier, lassen Sie mir die einzige Hoffnung, daß ich dann noch einmal vor Sie tretendarf mit der Frage, ob Sie die Hand mir reichen wollen zum ewigen Bunde für einernstes, der Pflicht geweihtes Leben."

In leisem Flüstertöne, aber mit heißer Erregung hatte er diese Worts gesprochen.

Nun schwieg er und eine Pause war entstanden, in der man nichts hörte als dasmelodische Plätschern eines Springquelles und das leise Rauschen in den Wipfeln derBäume.

Edith, antworten Sie; wollen Sie mir diese Hoffnung morgen da lassen?" bater noch einmal, und der Mond beleuchtete voll sein männlich schönes Gesicht, auf demeine tiefe Bewegung zuckte.

Rudolf", sagte sie endlich, und ihre Stimme klang dabei wunderbar weich,alsich vor Kurzem Ihre Werbung ablehnte, da geschah es mit traurigem und betrübtemHerzen, aber es mußte ja fein, weil da, wo die Lebensrichtungen so weit auseinandergingen, keine Vereinigung möglich war."

Heute, Rudolf", fuhr sie fort, und es war nicht nur der Strahl des Mondes,der ihr Gesicht so seltsam leuchten ließ,heute sind diese Gegensätze, Gott sei Dank!gehoben und ausgeglichen durch Ihre ernste und demuthsvolle Sühne, und nicht brauch'ich zu warten auf Beweise solch redliches Wollen genügt mir ja, es genügt, uns zueinigen zu gemeinsamem Vollbringen.

Edith!" Es kam laut, stürmisch, jauchzend von seinen Lippen.

UndVater gib uns Deinen Segen!" tönte es plötzlich jubelnd an das Ohr desalten General, der vor Ueberraschung und freudigem Staunen sprachlos da stand.

Meinen Segen", sagte er endlich, nachdem er sich gefaßt und gesammelt, tief-bewegt, und sein Auge glänzte feucht,meinen Segen, ja den geb' ich Euch wit freu-digem Vaterherzen, aber bittet auch vor Allem, den da Oben um den Seinen, denn nurauf dem Segen Gottes beruht ja einzig unser Glück und Heil. Das vergesset nie!"

Und sie vergaßen es nicht. Sie erflehten den Segen des Herrn unablässig, under ward ihnen in reicher Fülle.

Der General aber hatte nicht nöthig gehabt, ein Landgut anzukaufen; da, wo ihmsein Lebensmorgen frisch und fonnverheißend aufgegangen war, auf Schloß Haineck neigtesich auch sein Abend, rosig angeglüht vom Strahle dankbarer pietätvoller Kindesliebe,in tiefem, süßem Frieden.;