Ausgabe 
(1.9.1883) 70
 
Einzelbild herunterladen

655

Betroffen fuhr der Freiherr bei dieser unerwarteten Mittheilung in die Höhe, unddringend bat er den General, doch noch länger unter seinem Dache zu weilen.

Nein, mein Junge", entgeguete der General entschieden, der Entschluß ist unab-änderlich gefaßt. Auch sollst Du uns und der Gastfreundschaft nicht länger ein Opferbringen, denn ich weiß recht gut, daß Du lieber Deine Zeit in einem Deiner Geschmacks-richtung mehr zusagenden Orte zubringen würdest, anstatt hier auf Haineck zu sitzen, woDich nur die Rücksicht für Deine Gäste festhält."

Sie irren", entgegnete der Baron ruhig, doch mit ernster Festigkeit,ich werdeHaineck nie mehr verlassen."

Nun, zu diesem Vorsätze gratulire ich Dir von Herzen!" rief treuherzig der Generalaus, indem er dem Freiherrn mit kräftigem Drucke die Hand schüttelte.

So gehört es sich für einen Haineck. Das Leben auf dein Lande bietet ja auchso viel Genuß, und immer mehr Reiz wirst Du ihm abzugewinnen lernen; vor Allemaber muß es von einer nutzbringenden Thätigkeit erfüllt sein, denn das ist ja der Kerndes Daseins, das ohne diese nicht mehr wie eine hohle Nuß ist, mögen auch die Schalennoch so glatt und glänzend sein."

Auch ich gedenke meine alten Tage auf dem Lande- zu beschließen", fuhr nach

einer kleinen Pause der General fort, nachdem er einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife

gethan und mächtige Rauchwolken von sich blies.Ich will deshalb gleich nach nieinerAnkunft in der Stadt Schritte zu dem Ankaufe eines kleinen Landgutes thun. Nichtwahr, Edith, damit bist Du auch einverstanden und ziehst es dem Leben in der Stadtgewiß vor."

Edith fuhr in die Höhe. Wie ein Zug von Trauer und Weh war es über dasschöne Gesicht gezogen, als der General so plötzlich und unerwartet die Abreise ange-kündigt, und dann hatte sie still und in sich gekehrt, wie versenkt in tiefes träumerischesSinnen, dagesessen.

Mit bescheidenem Tone, fast zögernd, bat sie der Freiherr, den letzten Abend noch

einmal mit einem Liede zu verherrlichen, sie hatte ja seit langem nicht mehr gesungen»

Sie erröthete flüchtig, doch dann setzte sie sich an's Klavier und begann lebhaft zupräludieren.

Nie hatte sie mit solcher hinreißenden Wärme und Wahrheit des Gefühls gesungen,wie jetzt dieses schottische Lied, in dem das tiefe Weh des Abschiedes in so schwermuths»vollen und doch so süßen Klängen gewaltsam siuthete.

Edith hatte geendet. Wie eine tiefinnerliche Gemüthsbewegung zuckte es in ihremAntlitz, und rasch stand sie auf und trat hinaus auf den Balkon.

Es war ein wunderschöner Sommerabend.

Die weiche und blaue Lust war erfüllt von würzigen Waldesdüften, und zahlloseSterne flimmerten vom Himmel herab.

Still und schweigend lag der Park, gehüllt in den magischen Nebelglanz des Mondes,der wiederstrahlte von den» Wasserspiegel des großen Schloßteiches und geisterbleich undgespenstisch die aufgestellten Statuen umwob.

Aber das traumhafte» mondbeglänzte Naiurbild war nicht dazu angethan, weicheund träumerische Stimmungen zu verscheuchen, und Edith fühlte sich so seltsam bewegt,und eine Stimmung war plötzlich über sie gekommen, die ihrer thatkräftigen und ent-schlossenen Natur sonst ganz fremd war.

War das wirklich eine Thräne, was so hell wie schimmernder Thau im Strahledes Mondes an ihrer Wimper glänzte und sich jetzt löste und langsam die Wange her-nieder rann?

Sie hatte es nicht gehört, wie sich leise die Thüre hinter ihr geöffnet hatte.

Edith!" sagte da plötzlich eine tiefbewegte Stimme, bei deren Klang sie zusammenfuhr und sich hastig umwandte.

Bleiben Sie, Edith", bat der Freiherr, der leise hinter sie getreten war, mit ge-