Ausgabe 
(1.9.1883) 70
 
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In der Hausflur trat ihnen Edith entgegen.

Lebt er noch?" rief der Freiherr mit tonloser Stimme und seltsam verstörtemAussehen.

Edith bejahte.

Gott sei Dank!" rang es sich heiß aus der Tiefe seiner Brust und still folgteer Edith und dem Arzte in die kleine Stube.

Da stand er nun, und vor seinen Augen entschleierte sich nun zum ersten Mals inden düstersten Farbentönen das Bild des Jammers und menschlichen Elendes, zum erstenMale sah er die grauenerregende Gestalt des Unglückes, und sein Herz zog sich krampf-haft zusammen bei dem Anblicke eines Wehes, das durch seine Schuld hereingebrochen war.

Und Edith? Sie war überall, und hier zeigte sich erst im vollen Lichte diestille Kraft und ruhige Größe ihrer Seele.

Fest und mit besonnener Ruhe stand sie inmitten dieses Jammers, der ihr dochso tief in die Seele schnitt, unermüdet helfend und tröstend.

Sie war um die kranke Frau und richtete diese auf, sie beruhigte die laut weinen,den Kinder und forderte sie auf zum Gebete, sie unterstützte mit klarer Umsicht den Arztund vollzog dessen Anordnungen, und sie träufelte milden Trost in die von den heftigstenQualen und Selbstvorwürfen gefolterte Seele des Freiherrn .

Der Arzt hatte die Wunde untersucht, und dieselbe an und für sich nicht lebens»gefährlich gesunden. Aber die Kugel mußte herausgeschnitten werden, und starkes Wund-fieber hatte sich eingestellt, das einen drohenden Charakter angenommen hatte.'

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Lange, lange Tage schwebte der arme Forstlaufer in einem höchst gefährlichen Zu-stande, aber endlich siegte seine kräftige, unverdorbene Natur, und begann Langsam ihreHeilkraft zu üben.

Es war eine schlimme Zeit gewesen für die braven Bewohner der Waldhütt«, undeine schlimme Zeit für Baron Haineck, eine Zeit voll Stunden der heftigsten Selbst-anklagen und bittersten Geivissensqualcn, die seine Seele erschüttert und aufgewühlt bisin ihre Grundtiesen, aber auch voll Stunde» der stillen, inneren Einkehr bei sich, dieihn umgewandelt in einen anderen Menschen.

Und als endlich der Arzt das Leben des Schwerverwundeten außer Gefahr erklärte,da war es, als ob eine drückende Zentnerlast von dem Gemüthe des Freiherrn gewälztwerde, und mit der wunderbaren Elastizität der Jugend richtete er sich wieder auf, einneues Leben zu beginnen und die Kräfte zu üben, die so lange in ihm geschlummertund erst durch die unglückliche und doch so heilbringende Katastrophe geweckt wordenwaren.

Niemand freute sich über die Wandlung mehr als Edith, der der Freiherr seit demletzten verhängnißvollen Ritt mit der strengsten, gemessensten Zurückhaltung, doch zartestenAchtung gegenüber stand.

Sonderbar!" sagte sich wohl der alte General, wenn er die kühle Form desVerkehrens zwischen den beiden jungen Leuten beobachtete,die beiden verstehen sich dochauch gar nicht, und aus meiner Lieblingsidee wird nichts. Und doch ist Rudolf einguter Junge, und Keiner wäre »>ir als Schwiegersohn willkommener gewesen als wieder letzte Haineck."

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Und so saßen denn die drei an einem schönen Abende schweigsam und träumerischim Schlosse zusammen, als plötzlich der General das Schweigen unterbrach und in seinerWeise, die er gewohnt war, kurz und rasch Entschlüsse zu fassen, und auch auszuführen,jm bestimmten Tone sagte:

Edith, es ist Zeit, daß wir uns zum Rückmärsche rüsteir, für morgen habe ichunsere Abreise festgesetzt."