Nr. 70.
1883.
zur
„Äugslmrger Pojheitnng."
Samstag, 1. September
Der Schloßherr von Mineck.
Novelle von Joseph Grineau.
(Schluß.)
Tags darauf hatte der Freiherr zu Ehren eines stattlichen Zehnenders, dessenFährte der Forstlauser entdeckt, ein Treibjagen mit seinen Leuten veranstaltet; und früheschon war er aufgebrochen mit seinen Hunden; er fühlte sich einer aufregenden Zer-streuung so sehr bedürftig.
Edith machte ihren gewohnten Kirchgang.
Sie sah um einen Ton bleicher, wie gewöhnlich aus, und schärfer ausgeprägt schiender charakteristische Züg von Festigkeit, der sich um ihren Mund zog.
Sie vergaß nicht auf dem Rückwege in der kleinen Hütte am Waldrand einzukehren,wo die jubelnde Begrüßung der Kinder und der freudig dankbare Blick der Kranken ihrHerz erhob.
Sie setzte sich an das Bett der Kranken, in deren Zustand eine Besserung ein-getreten war — Dank der wohlthätigen Fürsorge Edith's — und liebevoll und tröstendredete sie zu ihr, als es plötzlich draußen laut wurde, und der Schall von gedämpftenStimmen und Männertritten hereindrang.
„Was ist das?" fragte die Kranke, die sich im Bette aufgerichtet hatte.
Edith trat an das niedrige, kleine Fenster, um hinauszusehen, aber sie mußte ihreganze Kraft zusammenraffen, um nicht zu wanken, bei dem Anblick, der sich ihr darbot.
Langsam und mit verstörten Mienen näherten sich der Hütte vier Männer, die mitbehutsamer Vorsicht einen scheinbar leblosen und mit Blut befleckten Menschen trugen.
Da öffnete sich die Stubenthüre und laut schreiend stürzte herein ein kleiner, flachs-haariger Bube.
„O Gott! sie bringen den Vater, und er ist todt; er ist todt geschossen!"
„Barmherziger Gott!" rief die Kranke mit einem markerschütternden Schrei, unddann legte sich ein wohlthätiger Schleier um ihre Sinne.
Ein lautes Jammergeschrei stießen die Kinder aus, als jetzt die Männer leise herein-traten und den Bewußtlosen in die anstoßende Kammer trugen, wo sie ihn vorsichtigauf das Bett legten.
Leise unv ernst berichtete dann der Wildmeister Edith, daß ein unvorsichtig ab«gefeuerter Schuß des Freiherrn den armen Forstlaufer in die Brust getroffen habe undvielleicht von todtbringender Wirkung gewesen sei.
„Und wo ist der Freiherr?" fragte Edith, deren Herz still zu stehen drohte.
„Er ist mit Sturmeseile auf seinem schnellsten Nenner fortgeritten, um selbst sorasch als möglich ärztliche Hülfe herbei zu schaffen.
Und er mußte in der That mit Sturmeseile geritten sein, denn ehe es man fürmöglich gehalten hätte, kam er mit dem Arzte an und sprang von dem über und übermit Schweiß bedeckten Pferde.