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^Ängslmrger Postzeitung."
71. Mittwoch, 5 . September 1883.
Der Gpalring.
Ronian aus dem Englischen von E. C.
(Nachdruck derdotm.)
Erstes Capitel.
Es war ein regnerischer Nachmittag, mit schneidendem Märzwinde; anscheinendhatten Winter und Frühling ihre unangenehmsten Eigenschaften vereinigt; der Himmelwar in einförmig Grau gekleidet, die Straßen mit Koth bedeckt, von den Thoren undden überhängenden Schildern der Geschäftshäuser tropfte der Regen und bildete kleineTümpel in den Unebenheiten des Pflasters. Die Polizisten sahen, ungeachtet ihrerNegenmäntel, durchnäßt aus und von jedem Regenschirme der wenigen Fußgänger strömtenkleine Wasserfalle hernieder.
Eine junge Dame wandte sich an einer Straßenecke um und winkte dem sich nahen-den Omnibus. Der Kutscher bemerkte das Zeichen und hielt an. Die junge Damenahm den noch freien Platz in der Nähe der Thüre ein, und der Omnibus rasselte weiter.
Sie war ein schlankes, hübsches Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, mit sanften,nußbraunen Augen und hellbraunem Haar; ihre Gesichtsfarbe war blaß und die feinenZüge nicht regelmäßig genug, um Anspruch auf Schönheit machen zu können. Die her-untergehenden Linien zur Seite des Mundes, sowie das leichte Zusammenziehen der gutgeformten Stirne, zeugten von Traurigkeit oder auch vielleicht Ermüdung; denn ihr Kopfsank, gleich einer mit Thau bedeckten Blume, leicht zur Seite. Ihr einfacher Anzug be-stand aus einem dunkelblauen Kleide und schwarzem Hute, sowie einem großen, grauwollenen Shawl, mit dicken Fransen.
Gleichgültig betrachtete sie ihre Mitreisenden, bis endlich ihre Augen auf der letztenPerson ihr gegenüber haften.
Dieser, ein Mann von mittlerer Statur, mit dunkelbrauner Hautfarbe und schwarzemHaare, welches in festgedrehten Locken, einem Pfropfenzieher ähnlich, um seinen Kopfhing, hatte eine schmale Adlernase, die dünnen, breiten Lippen waren fortwährend inBewegung und seine kleinen schwarzen Augen standen auffallend nahe zusammen. Ertrug keinen Bart, und doch hätte man ihn nicht glatt rasirt nennen können, da diedunkeln Stoppeln in seinem Gesichte schon mehrere Tage alt zu sein schienen. Seinbrauner Ueberzieher mit Pelzkragen sah sehr abgenutzt aus und vorne hing ein Knopfganz lose daran. An den Handschuhen blickten die Finger durch, und auch sein Hutschien bessere Zeiten gekannt zu haben. Im Ganzen machte er den Eindruck eines Land-streichers.
Jetzt vertiefte sich tue Hand oes kleinen Mannes in eine Seitentasche des Rockesund holte ern Notizbuch hervor; dann suchte er von Neuem nach einem Bleistifte» undda dieser keine Spitze hatte, zog er, nachdem er sich vorher seiner Handschuhe entledigt,ein Feldmesser heraus. Die junge Dame bemerkte, daß er an dem kleinen Finger seinernicht besonders reinlichen, braunen Hand einen anscheinend' werthvollen antiken Ring