Ausgabe 
(5.9.1883) 71
 
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trug. Ein prachtvoller Opal bildete den Mittelpunkt desselben, und diesen umgabenmehrere kleine Edelsteine. Es war ein eigenthümlicher Ring, den man, einmal gesehen,leicht wieder erkennen konnte.

Nachdem der kleine Mann in seinem Notizbuche einige Zeit herumgeblättert hatte,sing er emsig an zu schreiben, dann blickte er wieder durch das Fenster der Wagenthüreund steckte eiligst sein Buch ein. Während er damit beschäftigt war, fiel der Regen-schirm, welchen er zwischen den Knieen gehalten, gegen das Kleid der jungen Dame.Bitte sehr um Entschuldigung", sagte er mit ausländischem Accent und streckte seineHand nach dem Schirme aus.

Aber dieser hatte sich in den schweren Fransen des Shwals verwickelt. DasMädchen bemühte sich, ihn los zu machen, aber der Mann war behender als sie, seineHände schienen an solche gewandte, flinke Arbeit gewöhnt zu sein. Nun rief er denCondukteur, raffte seine Handschuh zusammen und stieg aus. Sie blickte ihm neugierignach, wohin er wohl gehe. Er öffnete seinen Regenschirm nicht, sondern lief eiligst guerüber die Straße und schellte an der Nebenthüre eines großen Porzellangeschäftes. Siebemerkte nicht, ob er eingelassen wurde, denn der Omnibus rollte vorwärts, und sieverlor ihn aus dem Gesichte. Es begann dunkel zu werden; der Regen floß noch inStrömen, als der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht hatte, und die junge Dameausstieg. Sie mußte noch zehn Minuten zu Fuß zurücklegen und eilte durch Sturm undRegen muthig vorwärts. Ihr Weg führte sie bald in eine enge Straße an armseligenHäusern vorbei, bis sie endlich ein kleines Thor erreichte; dieses öffnend, durchschritt sieein hübsches Gärtchen und langte dann in ihrer Wohnung an.

Doch hier änderte sich plötzlich die Scene. Ein behagliches, häusliches Bild botsich ihr dar, so recht ein Gegensatz zu dem trüben, nassen Wetter da draußen. ImKamine flackerte ein lustiges Feuer; rothe Gardinen verhüllten die Fenster, auf demTische brannte die Lampe und erleuchtete das blendendweiße Damastgedeck mit dem dar-auf zurecht gestellten chinesischen Theeservice, während der singende Wasserkessel, dasfrische Brod, der Schinken, die Butter und ein Glas Johannisbeeren-Gels zur nöthigenErfrischung einluden. Vor dem Theebrette saß eine hübsche, freundliche Dame von fünf-undvierzig Jahren, mit blühender Gesichtsfarbe und noch glänzendem, üppigem Haare;in der Nähe des Kamins hatte eine jüngere Dame auf einem niedrigen Schemel Platzgenommen.

Du kommst heut spät zurück, Bertha", sagte die Aeltere zu der eben Herein-tretenden.

Ja, Mama, spät und naß und müde", entgegnete Bertha.Ich will eben hin-gehen und meine Sachen ablegen und Dir dann erzählen, was ich den Tag über an-gefangen habe.

So eile Dich, wir haben schon eine halbe Stunde mit dem Thee auf Dich ge-wartet. Was hast Du dort Glänzendes in den Fransen hängen?" fügte die .Mutterhinzu, als Bertha sich umwandte, um das Zimmer zu verlassen.

Etwas Glänzendes?" frug diese und untersuchte ihren Shwal.

Ein Ausruf der Ueberraschung, fast des Schreckens, entschlüpfte ihr. Dort in den

Fransen hing der Opalring, welchen sie an der Hand ihres Gegenübers im Omnibusse

erblickt hatte»

Mit großer Hast machte sie ihn los; es war unverkennbar derselbe Ring.

O Mama, was soll ich anfangen!" rief sie. Im ersten Schrecken kam eS ihr

vor, als ob sie sich augenblicklich ivieder hinaus in das fürchterliche Wetter begeben müsse,um den Eigenthümer des Ringes aufzusuchen.

Ein Mann, welcher mir gegenüber im Omnibus saß, trug diesen Ring. SeinRegenschirm fiel gegen meine Kniee, ehe er aussteigen wollte, und indem er ihn nahm,muß der Ring sich in die Fransen verwickelt haben. Was soll ich nun machen?"

Du hast keine Ursache so bestürzt darüber zu fein", sagte die junge Dame, welche