Ausgabe 
(5.9.1883) 71
 
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am Kamin gesessen und die jetzt hinzutrat, um den Ring in Augenschein zu nehmen. Duwirst doch nicht deshalb des Diebstahls beschuldigt werden können."

Auch die Mutter erhob sich, ganz aufgeregt über diesen merkwürdigen Zufall.

Zeige ihn mir einmal", sagte sie,und um's Himmelwillen, Kind, wie naßDu bist! Lause nur rasch hinaus und wechsele Deine Kleider, heute Abend kannst Duin keinem Falle mehr ausgehen."

Bertha zögerte noch einige Augenblicke.

Nein, heute Abend wird es nicht mehr möglich sein. Es war ein sonderbar aus-sehender Mann, daß meine Neugierde erregt wurde, und ich ihm nachblickte, um zu sehen,in welches Haus er sich begebe. Vermuthlich wird es morgen auch noch früh genug sein.",

Natürlich", bestätigte Mrs. Dalton.Jetzt gehe augenblicklich und kleide Dichum, Du wirst Dich noch zu Tode erkälten."

Ich wartete einige Zeit bei Miß Beaumont in der Hoffnung, oaß das Wettersich aufklären würde", entgegnete Bertha, ihrer Mutter den Ring hinreichend.

Hah ich bin so naß wie eine Katze", und beim Hinauslaufen rief sielBitte,setze den Thee an, Mama."

Als sie wieder herunterkam, war der Thee fertig; die jüngere Dame hatte mitdem Nucken gegen den Kamin Platz genommen und amüsirte sich damit, den Ring fort-während an den Finger zu stecken und wieder auszuziehen.

Sie war sehr schön; ihre Züge waren klassisch in ihrer Regelmäßigkeit; die braunenAugen, von langen Wimpern beschattet, bildeten ebenso wie die schön gezeichneten Augen-brauen einen überraschenden Contrast zu ihrem goldenen Haare; ihr blendendweißer Teintwurde noch durch die Räthe der Wangen und Lippen gehoben. Sie hatte eine große,schlanke Gestalt und ihre Bewegungen trugen den Stempel träger Anmuth, welcher mitdem ruhigen, theilnahmlosen Ausdrucke des schönen Gesichtes vollständig harmonirte.ESscheint ein sehr werthvoller Nina zu sein", sagte Mrs. Dalton, als Bertha am TischePlatz nahm.

O, ich wollte, er wäre mein", seufzte Madelina oder Lena, wie man sie zu nennenpflegte, und von Neuein steckte sie den Ring an den Finger und betrachtete mit Be-wunderung die gut geformte Hand.Das ist ein vergeblicher Wunsch", entgegneteBertha.Sobald ich morgen bei Miß Paget fertig bin, werde ich zu dem Hause hin-gehen, wo der Mann schellte, und dort Erkundigungen einziehen. Wie froh bin ich,daß ich das doch zufällig gesehen habe."

Nachdem sie ihren Hunger gestillt, betrachtete sie den Ring genauer. Um den Opal,

der zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, befanden sich fünf kleinere Steine in

Form eines Hufeisens und unter diesen ein winziges goldenes Herz. Die Fassung warein wahres Kunstwerk und dem Style nach zu urtheilen, Jahrhunderte alt. Es schienein Familienerbstück zu sein.

Vermuthlich bilden diese Steine einen Namen", fuhr Bertha fort,da die Wahlderselben so seltsam ist; sieh' dieser zweite ist ein Stück Jaspis. Der erste ist der Opal,dann kommt Jaspis, Diamant, Emerald*) und Saphir. "

O. I. D. E. S." buchstabirte Lena.Das ist Unsinn."

Halt", entgegnete Bertha.Wird der Opal nicht zuweilen auch feuriger Steingenannt 2 Dann wäre der erste Buchstabe F. Ich habe es F. I. D. E. S.Fides, ohne Zweifel. Ich möchte wohl wetten, daß es ein Verlobungsring war."

Mir würde es sehr lieb sein, wenn Ihr Euch mit dem Thee beeiltet, Mädchen",

warf Airs. Dalton dazwischen.Der Ring ist beides, schön und interessant, aber für

uns von gar keiner Bedeutung, da er aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgefordert wird."

Wir wollen es hoffen, Mama, obgleich ich gestehe» muß, daß das Aeußere desMannes, der ihn trug, es mir sehr fraglich erscheinen läßt, ob er auf redliche Weise inseine» Besitz gelangt ist."

*) Englischer Ausdruck für Smaragv,